»Sie verdichten, was zu zerfallen droht«
31. Mai 2026 – 15. Siwan 5786
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»Sie verdichten, was zu zerfallen droht«
Die Schriftstellerin Yasmina Reza ist mit dem Frank-Schirrmacher-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren die Laudatio von Christian Berkel
»Ich habe es aufgeschrieben, weil es kompliziert ist. Wenn ich ich bin, weil ich ich bin und du du bist, weil du du bist, dann bin ich ich und du bist du. Wenn hingegen ich ich bin, weil du du bist und du du bist, weil ich ich bin, dann bin ich nicht ich und du bist nicht du.«
Liebe Yasmina Reza, ich muss Ihnen etwas gestehen: Diese Sätze aus Ihrem Welterfolg Kunst habe ich für einen Film geklaut, in dem ein Ehepaar eines Morgens im Körper des anderen aufwacht. Bevor Sie ein Veto einlegen – der Film ist noch nicht erschienen –, hören Sie bitte diese Anekdote: Als Jean-Luc Godard dem amerikanischen Regisseur Samuel Fuller gestand, für einen Film – ich glaube, es war À bout de souffle – eine Einstellung aus Fullers Film 40 Guns benutzt zu haben, sagte Fuller: »Das ist Diebstahl.« – »Nein«, antwortete ihm Godard, »in Frankreich nennen wir das eine Hommage.«
Mit Kunst wurden Sie zur meistgespielten Dramatikerin der Welt. Neben der Begeisterung des Publikums löste dieser Erfolg eine sich sanft auftürmende Welle des Misstrauens aus. Manche Kritiker witterten Kunstfeindlichkeit, weil Sie bei ihrer Sezierung einer bürgerlichen Männerfreundschaft ein fast monochrom weißes Bild ins Zentrum eines sich in schwindelerregende Höhen schraubenden Streits gestellt hatten.
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Er ging in die Kirche und war Messdiener - erst spät kam sein Interesse für das Judentum, berichtet Schauspieler Christian Berkel
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»Der Streit« ist nicht nur ein immer wiederkehrendes Thema in ihren Stücken, es ist auch der Titel einer Komödie von Marivaux, mit dem Sie weit mehr als die sprachliche Eleganz verbindet. Ihre Kritiker übersahen die Genauigkeit Ihrer Figurenzeichnung, weil sie die Spitze des Eisbergs für das Ganze hielten und nicht erkennen wollten, was sich unter der Wasserlinie verbarg. Was für ein Missverständnis.
Sie schreiben keine realistischen Sozialstudien, Ihre Dialoge haben nichts mit den Pingpongspielen der Well-made-Plays gemein, sie sind reine Musik. Schauspieler erkennen es instinktiv. Auf der ganzen Welt reißen sich die Besten darum, Ihre Figuren zu spielen. Das Tempo, der Rhythmus präzise orchestrierter Wiederholungen lesen sich wie eine Partitur. Sie verzichten fast........
