Gefühle und Zustände
18. März 2026 – 29. Adar 5786
AboAngebote PrintAbo-Service
AboAngebote PrintAbo-Service
Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«
»Du konntest, sagt sie, schon immer Geschichten erzählen.« Sie, das ist die Mutter der Geschichtenerzählerin und Buchautorin Lena Gorelik. Die Schriftstellerin, Journalistin und Essayistin verhandelt in Alle meine Mütter nicht nur die (besondere) Beziehung zwischen Tochter und Mutter; sie schreibt über alle Frauen, »die Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen«.
Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft in allen Konstellationen, die damit verbundenen Herausforderungen: Lena Gorelik entfaltet sie beinahe alle. Virtuos stellt sie sich gesellschaftspolitischen wie philosophischen Fragen, verbindet autobiografische, essayistische und dokumentarische Passagen.
Persönliche Erfahrungen und Erinnerungen – etwa an das Asylantenwohnheim
Persönliche Erfahrungen und Erinnerungen – etwa an das Asylantenwohnheim, in das die russisch-jüdische Familie nach ihrer Einwanderung als Kontingentgeflüchtete 1992 kam – verwebt sie mit Betrachtungen über Rollenbilder, Erwartungen und Zuschreibungen, mit Recherchen und statistischem Material, etwa zur Praxis von Schwangerschaftsabbrüchen in der Sowjetunion, und ergänzt sie durch hypothetische Entwürfe, in denen mögliche Identitäten imaginiert werden.
»Sie konnte Olga heißen, Natascha, Irina. Sie konnte Marina heißen oder Mascha, Maschenka, Maschutka. Maschutka, so hat ihre Mutter sie früher genannt.« Immer wieder richtet Lena Gorelik den Blick auf Gefühle und Zustände, die viele Mütter, Töchter und Enkelinnen – ebenso wie Väter, Söhne und Enkel – kennen: Verletzungen, Scham und Schuld, Abnabelung und Verbundenheit, Liebe.
Zugleich reflektiert sie die Gleichzeitigkeit ihrer eigenen Rollen als Tochter und als Mutter: »Ich schreibe dies nicht für meine Mutter. Auch nicht für meine Kinder. Obwohl ich als Tochter schreibe, als Mutter, in aller Verwundbarkeit, die in diesen Rollen steckt. Ich lege sie aus wie Pflastersteine. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mutter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.«
Auch ihren intensiven Schreibprozess macht Gorelik transparent: die Suche nach Worten in der Auseinandersetzung mit der Krankheit ihrer Mutter. Sie fragt nach dem Leben, den Träumen der Mutter, immer im Bewusstsein dessen, was Sprache tragen kann und was ihr entgleitet. Es sind Sätze wie diese, die im Gedächtnis bleiben: »Ich bin wie meine Mutter geworden, stelle ich fest, aber ohne zusammenzuzucken.«
Lena Gorelik: »Alle meine Mütter«. Roman. Rowohlt, Hamburg 2026, 272 S., 24 €. Die Autorin wird auf der Leipziger Buchmesse mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet.
Unter Gedächtnisbeton
Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR
von Steffen Alisch 18.03.2026
Flucht nach Zaton Mali
Marie-Janine Calic schreibt in »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« über Exilanten auf dem Balkan
von Alexander Kluy 18.03.2026
Als Billy Wilder vor dem FBI zitterte
»Paranoia in Hollywood« macht da weiter, wo die Geschichte der rettenden USA aufhört. Eine Achterbahnfahrt mit bitterem Ausgang
von Sophie Albers Ben Chamo 18.03.2026
Habermas, Israel und die Juden
Eine kritische Würdigung
von Frederek Musall 18.03.2026
»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«
Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen
von Nicole Dreyfus 18.03.2026
Jürgen Habermas – die jüdische Gemeinschaft verliert einen großen Freund
Der große Soziologe war zeitlebens mit Israel verbunden
von Michael Brenner 16.03.2026
Timothée Chalamet muss warten
»Marty Supreme« war der überraschende Verlierer des Abends. Aber nach dem großen Mischpoche-Fest im Vorjahr gab es einen großen und viele kleine Erfolge für die jüdischen Filmfans
von Sophie Albers Ben Chamo 16.03.2026
Sarah Michelle Gellar: »Buffy«-Neuauflage abgesagt
Die Schauspielerin wendet sich in einem Video an ihre Fans, um sie über den Stopp des Projektes zu informieren
Fast rundes Alterswerk
Der rbb zeigt »Ein Glücksfall«, den 50. Film von Woody Allen
von Kira Taszman 15.03.2026
+49 30 275833 0 Mo-Do 9-17 Uhr Fr 9-14 Uhrverlag@juedische-allgemeine.deredaktion@juedische-allgemeine.de
© 2026 Jüdische Allgemeine Impressum/Datenschutzerklärung/AGB/Privatsphäre
