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Für Deutschland kämpfen?

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28.04.2026

28. April 2026 – 11. Ijar 5786

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Für Deutschland kämpfen?

Nach der Schoa war es für Juden unvorstellbar, wieder in einer deutschen Armee zu dienen. Doch wie blickt die jüdische Gemeinschaft heute auf die Bundeswehr?

Sonthofen, die südlichste Stadt Deutschlands, liegt am Rand der bayerischen Alpen. Auf einem Hügel im Ort steht eine ehemalige Ordensburg der NSDAP, bis 1945 Ausbildungsstätte der Parteielite. Seit 1956 wird sie von der Bundeswehr genutzt. Ein paar Straßen weiter liegt die »Jägerkaserne«, erbaut 1936 für die Gebirgstruppe der Wehrmacht, heute eine »ABC-Abwehrschule«. Hier ist Leutnant Levi L. stationiert, einer von geschätzten 300 jüdischen Soldaten in den deutschen Streitkräften.

»Die Geschichte dieses Ortes kann ich natürlich nicht ignorieren«, sagt der 33-Jährige. Sonthofen ist untrennbar mit der Schoa verbunden, dem Versuch, die europäischen Juden samt seinen eigenen Vorfahren zu vernichten. »Die Bundeswehr steht aber nicht in der Tradition des Nationalsozialismus.« Für Levi L. ist es die Armee eines freiheitlichen und demokratischen Deutschlands. Die alte NS-Ordensburg, merkt er an, heißt heute Generaloberst-Beck-Kaserne, benannt nach einem der Beteiligten am Putschversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1944. »Das ist eine Gleichzeitigkeit, die man aushalten muss.« Levi L. hält sie aus.

Die alte NS-Ordensburg heißt heute Generaloberst-Beck-Kaserne, benannt nach einem der Beteiligten am Putschversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1

Der studierte Biologe kam 2024 als Quereinsteiger zur Bundeswehr. Da er in einem sensiblen Bereich arbeitet, darf sein richtiger Name nicht genannt werden. Levi L., so sein selbst gewähltes Pseudonym, ist in Estland geboren und kam mit seiner Familie als jüdischer »Kontingentflüchtling« Anfang der 90er‑Jahre nach Deutschland. Zwei seiner Urgroßväter sind als Rotarmisten im Kampf gegen die Nazis gefallen. Acht Jahrzehnte später sagt Levi L.: »Ich bin jüdischer Deutscher.« Und als solcher wolle er sein Land und das, wofür es steht, verteidigen.

Ein Jude, der Offizier in der Bundeswehr ist. Lange galt das in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands als etwas Unerhörtes, ein Tabu. Die Bundeswehr wurde 1955 gegründet, nur zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem die Wehrmacht instrumental für die Ermordung von sechs Millionen Juden und andere Verbrechen gewesen ist. Die neue westdeutsche Armee war zwar Teil der Nato und verpflichtete sich demokratischen Werten. Doch in personeller Hinsicht gab es mehr Kontinuität als Bruch: Fast alle der knapp 15.000 Offiziere der jungen Bundeswehr hatten zuvor in der Wehrmacht gedient, etwa 300 waren in der Waffen‑SS gewesen.

Ein Jude in der Bundeswehr galt in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands als etwas Unerhörtes, ein Tabu

Die kleine jüdische Gemeinschaft der frühen Bundesrepublik bestand überwiegend aus Überlebenden der Konzentrationslager und einigen aus dem Exil Zurückgekehrten. Damals war kaum vorstellbar, dass sie oder ihre Kinder jemals wieder in einer deutschen Armee dienen würden. Das mussten sie auch nicht. Für vom NS verfolgte Juden und ihre Nachfahren gab es eine Ausnahmeregelung: Bis zur Aussetzung der Wehrpflicht 2011 konnten sie sich von dieser befreien lassen.

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