Darf man einem Kraken glauben?
11. Juni 2026 – 26. Siwan 5786
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Darf man einem Kraken glauben?
Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt
Das Privileg, von einer Stadt zum Ehrenbürger ernannt zu werden, ist nicht nur Menschen vorbehalten. Dies bewies 2010 eine kleine Ortschaft im Nordwesten Spaniens: In Carballino wurde einstimmig beschlossen, den Kraken Paul zum Ehrenbürger zu krönen, weil er den WM-Sieg der Iberer gegen die Niederlande richtig prognostiziert hatte.
Der Orakel-Krake, wie Paul genannt wurde, begann schon bei der Europameisterschaft 2008, die Ausgänge der Fußballspiele »vorherzusagen«. Im Sea Life Centre in Oberhausen, wo Paul lebte, wurden während der Meisterschaften durchsichtige Behälter mit Futter ins Aquarium herabgesenkt – versehen jeweils mit den Nationalflaggen der gegeneinander spielenden Mannschaften. Pauls Futterwahl wurde als Prognose gewertet.
Während er noch 2008 zwei falsche Vorhersagen machte, schienen sich 2010 seine prophetischen Fähigkeiten perfektioniert zu haben, und alle seine acht Vorhersagen – einschließlich des Finales der Niederlande gegen Spanien – erwiesen sich als richtig, wofür er weltweite Bekanntheit erlangte. Sein Tipp für das WM-Finale wurde live übertragen, und es waren 200 Journalisten vor Ort.
Nun ist Paul das bekannteste Sport-Orakel, aber bei Weitem nicht das einzige. Im Dortmunder Zoo ließ man den Orang-Utan Walter die Ergebnisse voraussagen, und in Münster war es Tapir Theo. Wissenschaftler der Hochschule Furtwangen ließen gar Kolibakterien als Orakel antreten. Aber egal ob Säugetier oder Amöbe: Es stellt sich die Frage, ob es aus der Sicht des Judentums ein Problem damit gibt, Orakel zu verwenden und ihnen Glauben zu schenken.
Omen können den Glauben schwächen, dass alles vom Himmel kommt.
Omen können den Glauben schwächen, dass alles vom Himmel kommt.
In der Tora wird neben dem Verbot der Zauberei auch das Verbot von »Nichusch« (3. Buch Mose 19,21 und 5. Buch Mose 18,10) erwähnt. Die mittelalterlichen Tora-Kommentatoren Raschi (Rabbi Schlomo Jizchaki, 1040–1105) und Ramban (Rabbi Mosche ben Nachman, 1194–1270) erklären den Begriff Nichusch basierend auf dem Talmud (Sanhedrin 65b): Es handle sich um eine Praxis, bei der man in bestimmtem Tierverhalten ein schlechtes Omen sieht, bevor man sich zum Beispiel auf eine Reise begibt oder ein neues Unterfangen beginnt.
Der Sefer HaChinuch (Mizwa 249), der den Gründen der Ge- und Verbote nachgeht, erklärt, dass solche Omen keinerlei Bedeutung haben und den Glauben des Menschen, dass alles vom Himmel kommt, schwächen.
Schon Elisier verließ sich auf die Kamele
Außerdem finden wir im Talmud (Chulin 95b) eine Aussage des babylonischen Gelehrten Rav (Rabbi Abba Aricha, um 175–247), dass es sich nur dann um Nichusch handelt, wenn er dem Nichusch von Elieser, dem Diener Awrahams, und von Jonathan, dem Sohn von König Schaul, ähnelt. Bei Ersterem bezieht er sich auf die Geschichte,........
