menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Jeden Tag ein neues Gesicht

13 0
previous day

02. August 2026 – 19. Aw 5786

AboAngebote PrintAbo-Service

AboAngebote PrintAbo-Service

Jeden Tag ein neues Gesicht

In Tel Aviv zeugen unzählige Graffitis von dem, was die Stadt und ihre Menschen bewegt. Eine Tour

An seiner Einstellung gegenüber Graffiti kann man gut erkennen, wie liberal ein Land ist», sagt der israelische Street-Artist Ettinger. «Die Berliner Mauer war von der Westseite voller Graffiti, von Osten war sie blank.» In Nordkorea würde die Polizei sogar Schriftproben von den Bewohnern eines ganzen Wohnblocks nehmen, um den Urheber eines Graffitis ausfindig zu machen. In Tel Aviv – Israels inoffizieller Kulturhauptstadt – sei die Lage etwas ironisch. «Die Stadt hat eigene Aufseher, die gemeinsam mit der Polizei Sprayer finden und Geldstrafen verhängen. Zugleich bietet sie Graffiti-Touren an, um jene Werke zu zeigen, deren Sprayer nicht auf frischer Tat ertappt wurden», so Ettinger.

Der Reiz am Graffiti-Sprühen wird durch die Illegalität wohl nur noch größer. Vor allem im Stadtviertel Florentin gibt es Dutzende Sprayer, die nachts aktiv und nur unter Künstlernamen bekannt sind. Das heißt auch: Jeden Morgen sieht das Viertel etwas anders aus – und niemand kann vorhersagen, wie.

International bekanntes Graffiti

An einem besonders schwülen Juli­tag führt Ettinger eine Besuchergruppe durch Tel Aviv, die mehr über die Street-Art der Stadt erfahren möchte. An einer Trafostation am Washington Boulevard vermutet er das älteste Graffiti der Stadt. In Schwarz und Weiß zeigt es schemenhaft die Ermordung des israelischen Premierministers Yitzhak Rabin durch den rechtsextremen Israeli Jigal Amir. Am 4. November 1995 war das. Drei Monate später sei das Graffiti entstanden, so Ettinger, «weil der Künstler fürchtete, dass das Attentat in Vergessenheit geraten würde». Nachdem sein Werk von rechten Aktivisten beschädigt und durch die Stadtverwaltung zum Teil entfernt worden war, habe er sich in seinem Anliegen bestätigt gefühlt.

Nur 100 Meter weiter südlich befindet sich ein international bekanntes Graffiti. 2014 hat der Künstler«Kis-Lev» Kurt Cobain, Amy Winehouse und fünf weitere Mitglieder des sogenannten Club 27........

© Juedische Allgemeine