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Im Schatten der Drohnen

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25.02.2026

25. Februar 2026 – 8. Adar 5786

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Im Schatten der Drohnen

In Odessa, wo Strom, Wasser und die Sicherheit knapp sind, zeigen selbst jene, die kaum etwas haben, Solidarität und Mitmenschlichkeit – ganz nach dem Prinzip »Sei a Mentsch«. Ein Ortsbesuch

Odessa – mit Yuliya im Videochat. Abends, halb zehn. Bei ihr hört man im Hintergrund die Drohnen und die Abwehrflak. Bei mir auch. Sie lebt in der Nähe von Arcadia, einem Viertel direkt am Strand, vor dem flächendeckenden Angriffskrieg der Touristen-Hotspot mit Beach-Klubs und Vergnügungstrubel. Ich bin in der Altstadt, vielleicht 20 Minuten mit dem Auto entfernt.

Wir hören beide die Einschläge. Ihr Bildschirm leuchtet ab und zu hell auf. Immer, wenn es einen Drohnentreffer gibt. Von meiner Unterkunft aus sehe ich nichts, aber ich höre die Einschläge bis ins Badezimmer, in dem ich mich verstecke. Bei Yuliya sieht man mehr, ihre Wohnung ist dunkel, seit drei Wochen hat sie so gut wie keinen Strom. Ihr Bunker ist zehn Minuten entfernt. Und nicht geheizt. Aktuell sind es minus zwölf Grad.

Seit 2022 wird Odessa angegriffen – besonders der Hafen

Seit 2022 wird Odessa angegriffen – besonders der Hafen. Ab Mitte 2023 dann auch regelmäßig die Innenstadt. Bis dahin hat man sich abends noch verabschiedet mit den Worten: »Stay safe!« Mittlerweile wünscht man sich nur noch eine »ruhige Nacht«. Schlafentzug, Dauerstress, getötete Freunde und Verwandte. Das hinterlässt Spuren. Abstand schaffen, irgendwie.

Yuliya Ishchuk spricht über den Krieg, als ob er woanders stattfinden würde. Distanziert, kalt, nüchtern. Weinst du eigentlich manchmal noch? »Ich habe keine Tränen mehr. Außerdem müsste ich dann die ganze Zeit heulen«, sagt sie. Im Alltag hat sie ebenso wenig wie alle meine Freunde keine Zeit für Tränen.

Kein Strom bedeutet auch keine Heizung. Also macht Yuliya sich in der Küche – sie hat zum Glück einen Gasherd – einen Topf Wasser heiß, Wasser hält die Wärme. Wahlweise werden Backsteine auf den Gasherd gelegt, die dann im Bett wie eine Wärmflasche wenigstens ein paar Stunden Hitze abgeben. Wärmflasche geht auch, wenn man einen Gasherd hat …

Aus Heimweh ist Yuliya zurückgekommen nach Odessa, weil das »meine Stadt« ist

Yuliya hat lange in Los Angeles gelebt. Aus Heimweh ist sie zurückgekommen nach Odessa, weil das »meine Stadt« ist. Sie hat ein großes Restaurant direkt am Meer gemanagt, zwei Etagen, Terrassen, direkter Zugang zum Strand – das funktioniert mittlerweile nur noch im Not­betrieb.

Heute arbeitet Yuliya in einem Technologiekonzern, der........

© Juedische Allgemeine