Erste Klasse
26. August 2026 – 13. Elul 5786
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Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin
Hermann SimonAm 3. September 1955 – vor nunmehr knapp 71 Jahren – wurde ich eingeschult, und zwar in die damalige 2. Grundschule Berlin-Pankow. Ich erinnere mich an diesen Tag, an dem der Ernst des Lebens begann. Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie der Tag verlief, aber ein flaues Gefühl in der Magengegend hatte ich. Auf dem Treppenabsatz vor der Aula nahm die Klassenlehrerin der 1c, Frau Horstmann, ihre Schülerinnen und Schüler in Empfang, die an der Hand ihrer Eltern die Treppen hochgestiegen waren. Nach einer Begrüßung durch die Direktorin und dem Auftritt des Schulchors gingen wir – nun ohne Eltern – in unseren Klassenraum. Eine Schulstunde begann, die keine 45 Minuten dauerte, mir aber dennoch endlos lang vorkam. Wir lernten den Buchstaben A und wurden von der Lehrerin aufgefordert, Wörter zu bilden, die mit A begannen. Mein Heft mit den ersten Schreibversuchen hat, ebenso wie mein Federkasten, die Zeiten überdauert. Es schien mir damals unvorstellbar, dass ich nun mehr als ein Jahrzehnt zur Schule gehen würde. Später studierte ich Geschichte, wurde Historiker und war Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum.
Rina OtterbachMeine Einschulung wurde eher bescheiden gefeiert. Übrigens heißt es in Israel, wo ich aufwuchs, nicht Einschulung, sondern »Shalom Kita Alef«, übersetzt »Hallo, erste Klasse«. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich begleitete. Wir mussten paarweise in einer Reihe gehen, und die Lehrerin ermahnte die Mütter, uns nicht an den Händen zu halten. Obwohl ich kein schüchternes Mädchen war, wollte ich an ihrer Hand gehen. Das war im Jahr 1960. Eine Schultüte gab es bei uns nicht. Auch keine Schuluniform, die damals in größeren Städten Usus war. Ich habe meine Regionalschule geliebt, denn die Lehrerinnen – es gab nur wenige Lehrer – waren engagierte Zionistinnen. Sie unterrichteten mit viel Elan. Wir Schüler haben von ihnen viele Werte vermittelt bekommen, und vielleicht lag es an ihnen, dass einige von uns........
