menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Ein Land durchsucht den Datenschatz

19 0
07.06.2026

07. Juni 2026 – 22. Siwan 5786

AboAngebote PrintAbo-Service

AboAngebote PrintAbo-Service

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

Vor einigen Wochen, erzählt Hanna Klein (Name von der Redaktion geändert), habe sich ihr Wohnzimmer in ein Recherchezentrum verwandelt. Sie saß mit ihrem Mann auf dem Sofa, beide hatten einen Laptop auf dem Schoß. Kleins Mutter gab die Daten am Telefon durch. Sie nannte die Orte, in denen ihre Vorfahren gelebt hatten, Geburtstage, an die sie sich noch erinnerte, und die Namen von Großeltern, Tanten und Onkeln, deren Biografien Klein nur anekdotisch kannte. Von einem, der in Russland verschollen war, einem anderen, der immer schrie, wenn man ihn auf die Zeit der Kriegsgefangenschaft ansprach, und jenem, bei dem man nach seinem Tod noch eine Waffe fand.

Klein wusste von den Männern, die schwiegen, und von der Großmutter, die nicht aufhören konnte zu erzählen: von Bombenangriffen, vom Hunger und von den Soldaten ohne Beine. »Aber was genau meine Verwandten in der Nazizeit getan hatten, das wusste ich nicht«, sagt Hanna Klein. »Ich hatte nur so eine Ahnung, dass da was sein könnte.«

Irgendwann stößt sie auf eine Karteikarte mit dem Namen des kleinen Ortes bei München, aus dem ihre Familie stammt. Sie liest die Daten laut vor: Name, Beruf, Parteieintritt 1939. »Ja, das ist mein Opa«, sagt ihre Mutter am Telefon. »Dein Urgroßvater.«

Ein Treffer in der Kartei hinterfragt über Generationen erhaltene Familienmythen.

Ein Treffer in der Kartei hinterfragt über Generationen erhaltene Familienmythen.

Sie habe in diesem Moment eine Erleichterung gespürt, sagt Klein. »Jetzt habe ich es schwarz auf weiß, und ich bin darauf vorbereitet, wenn mein Kind mich eines Tages danach fragt.« Noch muss ihre Tochter gewickelt werden. Aber irgendwann möchte sie ihr sagen: »Du hast auf der einen Seite Urgroßeltern, die aus Odessa kommen und eine lange jüdische Tradition pflegen. Und auf der anderen Seite – ja, da gibt es mindestens einen Nazi.«

Familiennamen in Suchmasken eingetippt

So wie Hanna Klein haben in den vergangenen Monaten sehr viele Deutsche ihre Familiennamen in Suchmasken eingetippt, um herauszufinden, ob die Vorfahren in der Hitler-Partei organisiert waren. Im März stellte das amerikanische Nationalarchiv die NSDAP-Kartei erstmals online. Damit wurden die von den Nazis akribisch geführten Millionen Mitgliederkarten plötzlich frei zugänglich. Das interessierte so viele, dass der Server unter den hohen Aufrufzahlen zeitweise zusammenbrach. Und selbst wenn man die Seite dann doch aufrufen konnte, war die Suche in den PDF-Dateien unübersichtlich und zeitaufwendig.

Deutsche Medien erkannten schnell das riesige Interesse an der Nazi-Datei. Von einem »Datenschatz« ist die Rede. Bei der »Zeit« und beim »Spiegel« machen sich kurz nach Veröffentlichung durch die Amerikaner Teams von IT-Experten und Redakteuren ans Werk. Ihr Auftrag: möglichst schnell die oft handgeschriebenen Karteikarten auszulesen und eine eigene, nutzerfreundliche Datenbank zu bauen. Allein beim »Spiegel« wurden mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter dafür abgestellt. Die »Zeit« geht Anfang April als Erstes an den Start, vier Wochen später veröffentlicht auch der »Spiegel«........

© Juedische Allgemeine