Dynamik des Schreckens
24. Mai 2026 – 8. Siwan 5786
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Dynamik des Schreckens
Die Jewish Claims Conference und die Französische Botschaft in Berlin zeigen bislang verschollene Aufnahmen vom Beginn der Schoa im Vichy-Regime
Das Grauen beginnt oft unscheinbar, zum Beispiel mit einem kleinen grünen Zettel. Darauf steht die nüchterne Aufforderung an die jüdischen Männer von Paris, sich am 14. Mai 1941 in der Turnhalle des Gymnasiums Japy einzufinden. Offiziell dient die Maßnahme der besseren Erfassung ausländischer Juden in der französischen Hauptstadt. Die meisten stammen aus Osteuropa.
Insgesamt 6500 solcher »Vorladungen« wurden vor 85 Jahren verschickt. 3774 Juden folgten der Aufforderung, ohne zu ahnen, was ihnen bevorstand. Die übrigen, von denen nur wenige rechtzeitig untertauchen konnten, wurden später gefasst. Die meisten überlebten die Schoa nicht.Die Ahnungslosigkeit zu Beginn der Verfolgung sowie die Dynamik des Schreckens, das alles hat der 1903 in Berlin geborene Fotograf Harry Croner auf Zelluloid gebannt.
»Rafle du Billet Vert«
Im Auftrag der Wehrmacht hat er die »Rafle du Billet Vert«, die »Grüne-Zettel-Massenverhaftung«, wie die bislang fast unbekannte »Aktion« genannt wurde, für Propagandazwecke fotografiert. Das Ergebnis taugte allerdings nicht für die nationalsozialistische Selbstdarstellung, dafür waren die Aufnahmen viel zu emotional. Jetzt sind diese Bilder erstmals in Berlin zu sehen.
In einer gemeinsamen Ausstellung präsentieren die Französische Botschaft in Berlin und die Jewish Claims Conference 98 bislang verschollene Fotos von Harry Croner. Sie dokumentieren die ersten großen Verhaftungsaktionen während der Schoa in Frankreich.
»Antisemitismus trägt heute keine Uniform mehr, manchmal erscheint er auch auf Schulhöfen«, sagte Jacques Fredj, Direktor der Pariser Holocaust-Gedenkstätte, bei der Ausstellungseröffnung in Berlin. »Heute erleben wir den Beginn der Ausgrenzung von Juden erneut«, ergänzte Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference. In dieser Ausstellung werde der Beginn der Ausgrenzung vor genau 85 Jahren bei einer Razzia gezeigt. »Wenn ihr die Fotos gleich näher betrachtet, schaut nicht auf die Massen, schaut auf die einzelnen Menschen«, fordert er die Schülerinnen und Schüler auf, die zur Ausstellungseröffnung in die Botschaft gekommen sind.
Harry Croner, Sohn eines jüdischen Vaters – und deshalb später aus dem Dienst der Wehrmacht entlassen und in einem Arbeitslager interniert –, wirft in seinen Fotografien einen einfühlsamen Blick auf das Geschehen.........
