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Warum an den Börsen aus KI-Gier plötzlich KI-Angst wird

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17.02.2026

Wir leben in merkwürdigen Börsenzeiten. Wer an dieser Aussage zweifelt, der muss sich nur den vergangenen Donnerstag anschauen. Ein kleines US-Unternehmen mit nicht einmal zwei Millionen Dollar Umsatz, das früher sein Geld mit Karaoke-Maschinen verdient hat, sorgte für die Vernichtung von gut zehn Milliarden Dollar Börsenwert bei alteingesessenen Unternehmen aus dem US-Logistiksektor.

Die einstige Singing Machine Co. hat sich unter dem Namen Algorythm Holdings als KI-Unternehmen neu erfunden und will eine Plattform auf den Markt bringen, die die Produktivität in der Logistikbranche massiv steigern soll. Allein die Ankündigung reichte aus, um die Kurse großer US-Transportkonzerne zweistellig ins Minus zu drücken.

Das Chaos, das Algorythm Holdings bei US-Logistikaktien angerichtet hat, ist das jüngste Symptom eines Paradigmenwechsels. Bislang war der KI-Boom der entscheidende Treiber für die lange Rally an den US-Börsen. Doch jetzt weicht die Gier der Angst, und das hat Folgen für die Börsen rund um den Globus.

» Lesen Sie auch: An den Börsen geht die KI-Angst um – Neue Tools lassen Aktien verschiedener Branchen fallen

Wir leben in merkwürdigen Börsenzeiten. Wer an dieser Aussage zweifelt, der muss sich nur den vergangenen Donnerstag anschauen. Ein kleines US-Unternehmen mit nicht einmal zwei Millionen Dollar Umsatz, das früher sein Geld mit Karaoke-Maschinen verdient hat, sorgte für die Vernichtung von gut zehn Milliarden Dollar Börsenwert bei alteingesessenen Unternehmen aus dem US-Logistiksektor.

Die einstige Singing Machine Co. hat sich unter dem Namen Algorythm Holdings als KI-Unternehmen neu erfunden und will eine Plattform auf den Markt bringen, die die Produktivität in der Logistikbranche massiv steigern soll. Allein die Ankündigung reichte aus, um die Kurse großer US-Transportkonzerne zweistellig ins Minus zu drücken.

Das Chaos, das Algorythm Holdings bei US-Logistikaktien angerichtet hat, ist das jüngste Symptom eines Paradigmenwechsels. Bislang war der KI-Boom der entscheidende Treiber für die lange Rally an den US-Börsen. Doch jetzt weicht die Gier der Angst, und das hat Folgen für die Börsen rund um den Globus.

» Lesen Sie auch: An den Börsen geht die KI-Angst um – Neue Tools lassen Aktien verschiedener Branchen fallen

Seit Ende Januar geriet beinahe im Tagesrhythmus eine neue Branche massiv unter Druck, weil junge, oft kaum bekannte KI‑Firmen mit neuen Anwendungen die Geschäftsmodelle der etablierten Konzerne infrage stellen. Zuerst waren Softwareanbieter an der Reihe, dann Versicherer, Broker und Vermögensverwalter und schließlich die Logistiker.

Niemand kann sagen, welche Branche es als nächste treffen wird. Die Investoren beschleicht das ungute Gefühl, der unberechenbaren KI‑Disruption schutzlos ausgeliefert zu sein, und diese Sorge wird zum Belastungsfaktor für den gesamten Aktienmarkt.

Vom Hype zur Selektion

Egal, wie real die Bedrohungslage für die einzelnen Unternehmen am Ende wirklich ist, die Sicht auf das Boomthema KI verschiebt sich gerade. Lange wurde KI vor allem als Wachstumstreiber wahrgenommen, als technologische Revolution, die die Produktivität steigern wird, mit entsprechend positiven Folgen für Unternehmensgewinne und Wirtschaftswachstum.

Jetzt verabschieden sich die Investoren zusehends von dieser „Die Flut hebt alle Boote“-Sicht. Stattdessen versuchen die Märkte sehr viel stärker, Gewinner und Verlierer des KI-Booms zu identifizieren, und das im Eiltempo. Ein Grund für die heftigen Kursausschläge seit Ende Januar ist der reale oder zumindest gefühlte Eindruck, dass neue KI-Anwendungen deutlich schneller zur Marktreife gelangen als erwartet.

Die junge KI-Schmiede Altruist verspricht, dass ihre Plattform mit dem Namen Hazel Vermögensberatern hilft, innerhalb von Minuten komplexe Steuerstrategien für ihre Kunden zu entwerfen. Algorythm Holdings wirbt für sein Angebot Semicab AI mit dem Argument, dass Logistikfirmen das Frachtvolumen verdrei- oder vierfachen könnten, ohne zusätzlichen Personaleinsatz.

Wie realistisch solche Versprechen im Einzelfall sind, sei dahingestellt. Aber der Eindruck bleibt, dass die für eine nicht näher definierte Zukunft erwartete Disruption durch KI plötzlich schon heute stattzufinden scheint. Die dadurch ausgelösten Ängste sind im Moment so groß, dass die Investoren im Zweifel erst einmal verkaufen, um die Gefahren für ihr Portfolio so gering wie möglich zu halten. „Shoot now, ask questions later“, heißt diese Devise im etwas martialischen Trader-Slang.

Kurzfristig dürfte der Paradigmenwechsel bei der Bewertung des KI-Booms deshalb weiter für Turbulenzen an den Börsen sorgen. Mittel- und langfristig ist die Verschiebung der Perspektive aber eine gute Sache. Die Investoren blicken vorsichtiger und differenzierter auf die KI-Revolution. Das könnte dazu beitragen, dass aus der Euphorie um die neue Technologie keine gefährliche Blase entsteht, die irgendwann mit einem lauten Knall platzt.

Mehr: US-Investmentbanker zur wichtigsten Reservewährung: „Wir sehen tatsächlich eine schleichende Veränderung“


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