Hetzreden gegen Alice Schwarzer
Geschlechterdebatte : Hetzreden gegen Alice Schwarzer
Theaterleute wollen Alice Schwarzer wegen ihrer Gender-Thesen von der Bühne verbannen. Doch die Wissenschaft stützt zunehmend ihre Sicht.
Mit dem Schimpfnamen „alter weißer Mann“ muss Alice Schwarzer seit ein paar Jahren leben. In den Augen ihrer Kritiker hat sie ihn sich dadurch verdient, dass sie weiter an die Bedeutung biologischer Geschlechtsunterschiede glaubt, obwohl doch klar sei, dass Geschlecht performt werde.
Diese Kritiker sprechen zwar weiter von alten weißen Männern, es ist für sie aber nur ein metaphorischer Ausdruck für „Klappe halten“. Wer auf körperliche Unterschiede hinweist, die anders als soziale Rollen nicht hinwegperformt werden können, der soll, wie Alice Schwarzer jetzt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, mit Ausschluss bestraft werden.
Mehr als 300 Theatermacher hatten Schwarzer dort am Sonntag – am Ende vergeblich – an einer Lesung zu hindern versucht. Unter dem Motto „Keine Bühne für Hetze“ hielt man ihr vor, Menschen die Selbstbestimmung über ihre Körper abzusprechen und in AfD-Manier davon zu reden, Minderjährigen werde der Geschlechtswechsel „verlockend leicht gemacht“.
AfD! Das böse Wort stand im Raum und ließ alles erstarren. Nur hat in dieselbe Richtung wie Schwarzer kürzlich die nicht als AfD-nah bekannte American Society of Plastic Surgeons argumentiert, und der größte amerikanische Ärzteverband hat sich ihr angeschlossen. Den Verbänden war vorgehalten worden, wissenschaftliche Evidenz dem politischen Druck zu opfern.
Nun schrieben sie in einem spektakulären Richtungswechsel, dass nicht klar sei, ob eine medizinische Geschlechtsangleichung bei Minderjährigen einen positiven Effekt habe, und empfahlen, mangels Langzeiterkenntnissen mit einer Operation bis zum Erwachsenenalter zu warten. Fast zu gleicher Zeit sprach ein New Yorker Gericht erstmals in den Vereinigten Staaten einer Person, die ihre operative Geschlechtsangleichung bereute und zuvor schlecht beraten worden war, ein Schmerzensgeld in Millionenhöhe zu.
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Geschlecht hat eben doch eine physische Dimension; dass daraus eindeutige Kleider- oder Verhaltensvorschriften folgen, hat Alice Schwarzer gar nicht behauptet – es sei denn, man wollte ihr die eigene Eskalationsabsicht unterstellen. Anders als auf der Theaterbühne kann man die Rollen in der medizinischen Realität nicht folgenlos wechseln. Vielleicht können die Leute, die so sehr davon überzeugt sind, das Gute und Richtige zu tun, vor der nächsten Hetzaktion einmal darüber nachdenken.
Thomas ThielRedakteur im Feuilleton.
Redakteur im Feuilleton.
