Die Trinkgeldgesellschaft
Neue Unkultur : Die Trinkgeldgesellschaft
Etwas fordern ohne Leistung? Ein Sinnbild der deutschen Gesellschaft. Das muss man sich freilich leisten können.
Nehmen wir an, man möchte eine Zeitung kaufen, einen Liter Milch oder ein Fahrrad. Und der Verkäufer verlangt vorab zehn, 15 oder wahlweise 20 Prozent Trinkgeld. Man würde sich etwas wundern.
So aber geschieht es in mittlerweile zahllosen Cafés, in denen der Kartenzahlende recht schnöde um Aufschlag gebeten wird. Dabei kostet in diesen Lokalitäten der Cappuccino nicht selten auch so schon fünf Euro. Es leben noch Menschen, für die das einst der Wert einer warmen Mahlzeit war.
Damals gab es auch schon eine Trinkgeldkultur. Sieht man von notorischen Geizkragen ab, rundete man auf: Stimmt so. Oder man gab etwas, gar viel, ohne Obergrenze, wenn man mit dem Service, der Person, dem Ambiente besonders zufrieden war. Damals wie heute war der Service inkludiert. Das Trinkgeld kam obendrauf. Auch in den Ländern, in denen – ganz anders als in Deutschland – nicht wenige faktisch vom Trinkgeld leben. Aber auch dort entscheidet der Gast, ob und was er für eine Dienstleistung zusätzlich zahlen will.
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Wenn denn von Dienstleistung überhaupt die Rede sein kann. Heute besteht der Service darin, dass der Gast sich den – unbestreitbar oft guten........
