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Die Disziplin der Väter

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05.02.2026

Mein Vater war ein Freigeist: Künstler. Wenn es aber um den Brot-Job ging, wurde geradezu soldatische Disziplin an den Tag gelegt. Und dies ohne Not und ohne Druck. Sicher, im Büro musste er als Abteilungsleiter eines mittelständischen Unternehmens seine Arbeit erledigen. Aber viele Jahre hatte er dort freie Hand. Er durfte nach Gleitzeit schaffen, wie er immer stolz berichtete. Doch genau diese Gleitzeit nutzte er nie. Zumindest niemals zeitlich nach hinten.

Um halb sechs Uhr am Morgen klingelte der Wecker. Ein akribischer Ablauf eines Rituals folgte dann, den meine Mutter im Morgenmantel begleitete. Ich begann damals den Begriff „Morgenmantel“ zu verstehen, dabei hatte ich dieses heimische Kleidungsstück immer für einen profanen Bademantel gehalten. Es gab Toast und schwarzen Kaffee. Das roch penetrant jeden Morgen. Dadurch wurde ich wach und mir war regelmäßig schlecht davon. Es roch nach Disziplin.

Als mein Vater fertig war und mit Aktentasche seinen kurzen Fußweg zur Garage bestritt, war ich nun dran. Toast und weiße Milch. Alles gar nicht lecker. Durch die Terrassentür unseres Reihenhauses eilte ich mit fliegenden Fahnen und nicht selten mit noch unverschlossener Schultasche zum bereits wartenden Bus. Dabei immer den Druck spürend, den Vater diszipliniert an den Tag legte und dem ich nun über den Rasen unseres Vorgartens rennend, nachhechelte.

Punkt sechs Uhr dreißig verließ mein Vater in dem seiner Position angemessenen Mittelklassewagen........

© Die Kolumnisten