Daoismus im Computerspiel
Ich spiele seit etwa fünf Wochen ein Computerspiel. Dessen Namen ist nicht wichtig, und ich will auch keine Werbung dafür machen. Es geht um eine Zombie-Apokalypse, in der man sich in Allianzen zusammenstellt und durch stetes Wachstum und Konkurrieren mit anderen, Belohnungen erhält. Mit viel Geld kann man sich sehr schnell, sehr hoch bringen. In meiner Allianz gibt es eine gute Mischung an bezahlter und selbst erarbeiteter Stärke, und wir sind nicht schlecht. Wir arbeiten stark kooperativ, strategisch und verbringen sehr viel Zeit miteinander. Aber wir müssen uns auch gegen andere behaupten, der Konkurrenzdruck ist recht hoch. Besonders spannend finde ich die Verbindung zwischen Daoismus und Computerspiel und wie sich philosophische Ideen dort widerspiegeln. Es geht um begrenzte Ressourcen, es geht um Lebensraum, es geht um Macht und um ein Wir-gegen-Die-Gefühl.
Ich freue mich tagsüber, am Abend auf „meine Leute“ zu treffen, mit denen ich angeregt chatte, während wir ehrgeizig – alleine und zusammen – auf unser Ziel des Fortschritts im Konkurrenzkampf mit allen anderen hinarbeiten. Wir sind in unserer Fraktion eine bunte Truppe, vorwiegend aus Deutschland, deswegen ist die Grundsprache, in der wir uns unterhalten, Deutsch. Aber wir haben auch einige wichtige Mitglieder, die von woanders kommen. Dafür gibt es den Übersetzungsknopf und es klappt wirklich gut. Als ob es überhaupt keine sprachlichen und kulturellen Differenzen gäbe. Der Zusammenhalt ist groß und jeder fühlt sich verantwortlich, dass es allen gut geht. Dass wir aus verschiedenen Zeitzonen sind, hilft, dass wir rund um die Uhr aufpassen können. Denn wir sind schon mehrere Male Ziel von Angriffen der stärksten Fraktionen geworden, mitten in der Nacht – deutscher Zeit. Wir wurden geplündert, doch wenn jemand von uns wach war, konnte er ein bisschen was dagegen tun und vor allem schnell in Kommunikation mit dem Angreifer treten.
Es waren Vereinbarungen, die uns eigentlich davor schützen sollten, auf dem ganzen Territorium ausgehandelt. Und die stärksten Allianzen waren die Schirmherren. Was aber, wenn eine der drei Top-Allianzen plötzlich Lust verspürt, sich eine zwar recht gut entwickelte, aber militärisch komplett unterlegene Allianz vorzuknöpfen? Ausreden für das Brechen der selbst durchgesetzten Nicht-Angriff-Paktes finden sich immer, und diese Gruppe handelt nach dem Motto: Erst schießen, dann fragen. Es gibt Klagen darüber – auf den allgemeinen Chat-Channels, also „öffentlich“, so dass alle auf dem gesamten Territorium (eigentlich ein Server) das Ganze mitkriegen können. Es gibt Koalitions- und Friedensverhandlungen mit anderen Allianzen. Es gibt Revanchismus und reines Räubertum.
Kommt das dem geschätzten Leser bekannt vor?
Es war schon eine irritierende Ko-Inzidenz, dass ich das alles in dieser zweidimensionalen Welt des Bildschirmes just zur selben Zeit erlebte, als gerade in der realen Welt ein starker Staat plötzlich nach einem entwickelten, aber militärisch unterlegenen Land greifen wollte. Wie eine bestehende Welt-Ordnung plötzlich keinen Wert mehr zu haben scheint, wenn Gelüste eine der stärksten Mächte der Erde befallen. Wie Verhandlungen mal zu Ergebnissen führen, um dann durch die Realität zu Makulatur werden, weil der Platzhirsch wegen Machtlosigkeit der anderen nicht zur Kooperation gezwungen wird. Wie Uneinigkeit zwischen den Schwächeren den Stärksten ermutigt, sich zu nehmen, was er aus Stärke schon nehmen kann.
In dieser wechselnden Perspektive in und aus meinem Alltag, in der ich aber zwischen Spiel und Realität eine Spiegelung zueinander sah, gab es Momente, wo es mich überwältigte und eine alles verschlingende Resignation auftrat. Das Spiel........
