Das Scheitern der Schönwetterstrategen
Deutschlands Autokonzerne: Das Scheitern der Schönwetterstrategen
Das Scheitern der Schönwetterstrategen
Bei Mercedes ist der Gewinn eingebrochen, auch die Konkurrenz hat zu kämpfen. Das liegt nicht nur an der Politik und Antriebswende. Auch eigene Blindheit spielt eine Rolle.
Es ist die Zeit der Ausblicke und Grundsatzreden, und gerade in der Autoindustrie fallen sie wenig überraschend aus: Viele politische Rahmenbedingungen in Europa seien schrecklich, eine Rückkehr zu alten Rekorden sei nicht in Sicht und schlimmstenfalls der ganze Industriestandort in Gefahr. Als Präsident des europäischen Herstellerverbands Acea kann Ola Källenius das anschaulich beschreiben – und er hat recht.
Spricht der Schwede allerdings in seiner Eigenschaft als Mercedes-Benz-Chef, dann zeigt sich schnell, warum sich die Probleme derart verschärft haben: Die Industrie war kein Stück besser auf die aktuellen Verwerfungen vorbereitet als die Politik. In den vergangenen Monaten musste manche Schönwetterstrategie beerdigt werden, nicht nur bei Mercedes.
Dass die USA tatsächlich schmerzhafte Einfuhrzölle verhängen könnten, glaubten viele Automanager erst, als es geschah – dabei hat Donald Trump zehn Jahre lang von wenig anderem geredet. Ähnliches gilt für den schwachen Dollar, der den europäischen Exporteuren zunehmend zu schaffen macht.
Blindes Vertrauen in China-Boom
Vor allem aber erweist sich der Blick auf China nicht nur politisch, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht als naiv. Der wachsende Nationalstolz mit dem Aufstieg heimischer Marken, die technologische Revolution mit E-Antrieb und Vernetzung, die Immobilienblase und ihr Platzen, die Sparsamkeit einer alternden Bevölkerung im lückenhaften Rentensystem – alles war in der chinesischen Entwicklung angelegt, aber nichts davon haben die Hersteller kommen sehen. In ihrem wichtigsten Absatzmarkt verließen sie sich auf immerwährende Stabilität, garantiert durch die Kommunistische Partei.
All das sind zentrale Gründe für den Gewinneinbruch bei Mercedes und anderen. Und ausnahmsweise kann die Politik hierzulande mal exakt gar nichts dafür. Das mindert fatalerweise die Durchschlagskraft vieler berechtigter Industrieforderungen. Denn Fehler und Versäumnisse der Industrie ändern nichts an denen der Politik. Diese waren nur leichter auszuhalten, als China noch boomte und – ein oft übersehener Erfolgsfaktor – die Europäische Zentralbank das Geld noch zinslos verlieh.
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Jetzt stehen Politik und Wirtschaft gleichermaßen unter Handlungsdruck, und damit können Unternehmen dann doch besser umgehen – wenn sie es einmal erkannt haben. Auch Mercedes hat seine Strategie angepasst, bringt wichtige neue Modelle, senkt Kosten. War 2025 ein Jahr zum Abhaken, wird 2026 wohl eines des Übergangs und 2027 dann hoffentlich eines des Neustarts.
Ob das auch für die politischen Prozesse gilt, ist weniger klar. In Europa schwelt der Glaubenskrieg um den richtigen Antrieb weiter. Die künftigen Rahmenbedingungen sind längst nicht klar, Zukunftsprojekte werden eingemottet. In Deutschland hat sich an Kosten und Bürokratie nichts Grundlegendes geändert, an der Stimmung auch nicht. Doch den Neustart braucht es auch hier.
