Ein Triumph als Neuanfang: Özdemir hat bewiesen, dass die Chance der Grünen in der Mitte liegt
Cem Özdemir hat es allen bewiesen. Ein politisches Auslaufmodell sei er, einer der gut reden könne, aber nichts vorzuweisen habe, hatte die CDU über den Spitzenkandidaten der Grünen gelästert. Selbst in seiner eigenen Partei hatte dem ehemaligen Ampel-Minister bis vor wenigen Wochen fast niemand auch nur den Hauch einer Chance eingeräumt. „Mir wurde in meinem Leben oft gesagt, was ich nicht kann“, erinnerte er in der Nacht auf Montag.
Doch mit einem furiosen Endspurt hat der 60-Jährige einen historischen Wahlerfolg in Baden-Württemberg und eines der fulminantesten Comebacks der jüngeren Politik-Geschichte hingelegt. Nach Winfried Kretschmann wird er nun wohl der zweite grüne Ministerpräsident der Geschichte der Bundesrepublik und der erste türkischstämmige Landesvater überhaupt.
Ausgerechnet die konservativen Baden-Württemberger haben einem vegetarischen Muslim ihr Vertrauen geschenkt. Vor allem aber einem Grünen!
Welche Koalitionen sind in Baden-Württemberg möglich?
Dabei steckt die Partei seit dem Ampel-Aus eigentlich in einer schweren Krise. Zahlreiche Wahlen gingen verloren. Im Osten flog man aus Parlamenten, im Westen aus Regierungen. Im Bund stagnieren die Grünen in Umfragen auf Augenhöhe mit der Linkspartei, eine inhaltliche Kursentscheidung wird seit Monaten von drohenden Flügelkämpfen gelähmt. Seit dem Abgang von Robert Habeck und Annalena Baerbock wirkt die Partei führungs- und orientierungslos.
Für die Grünen bietet der Triumph in Baden-Württemberg daher die Chance für einen Neuanfang. Cem Özdemir hat bewiesen, dass die Partei noch Wahlen gewinnen kann und der alte Traum einer grünen Volkspartei lebt.
Das Rezept für den Erfolg lässt sich jedoch nicht so einfach übertragen. Denn Cem Özdemir setzte im Wahlkampf vor allem auf Cem Özdemir. Inhalte und Ideen spielten nur eine untergeordnete Rolle. Özdemir machte Wahlkampf in Abgrenzung zu seiner Partei, auf seinen Wahlplakaten fand sich kein Hinweis auf die Grünen. Die Bundespartei nannte er gar „Schwesterpartei“. Damit machte er auch Nicht-Grünen-Wählern ein Angebot.
Kopieren lässt sich dieses Prinzip Özdemir für die Grünen nur bedingt. Doch schon bei Winfried Kretschmann hat es die Bundespartei verpasst, ihre Schlüsse aus dem Erfolg im Südwesten zu ziehen. Kretschmann müsse man nicht kopieren, sondern kapieren, hat Ex-Grünen-Chef Reinhard Bütikofer einmal gesagt. Cem Özdemir hat das beherzigt.
Keine grüne Revolution hat er versprochen, unideologische Verlässlichkeit. Das Land verändert man nicht in Siebenmeilenstiefeln, sondern in Trippelschritten. Und manchmal, wie beim Verbrenner-Aus, muss man eben auch einen halben Schritt zurückgehen, um ans Ziel zu kommen. Pragmatismus kommt eben besser an als Dogmatismus.
Özdemir hat vor allem mit seinem unaufgeregten Stil gepunktet. Wo andere Grüne wie moralische Prediger wirken, hat Özdemir immer und immer wieder betont, er wolle den Menschen nichts vorschreiben. Vertrauen ist die entscheidende Währung in der Politik. Özdemir hat das Vertrauen von den Wählern erhalten, zuvor aber hat er es ihnen auch entgegengebracht.
Wer die Breite der Gesellschaft ansprechen will, muss auch mit der Breite reden
Zum kulturellen Unterschied zwischen Südwest- und Bundesgrünen zählt auch die Bereitschaft, sich mit Menschen jenseits der eigenen Blase auseinanderzusetzen. Von der Einbindung des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, der in weiten Teilen der Grünen-Partei zur Persona non grata erklärt worden war, profitierte Özdemirs Wahlkampf enorm.
Die Wahl in Baden-Württemberg hat zudem erneut vor Augen geführt, wie wichtig gutes Personal und eine klare Rollenverteilung sind. Beides ist im Bund eine Baustelle. Dort sind beiden Doppelspitzen in Partei- und Fraktionsführung vor allem auf Ausgleich bedacht. So blockiert sich die Grünen-Spitze selbst.
Lesen Sie mehr zu den Grünen mit Tagesspiegel Plus
Lesen Sie jetzt auch:
Spätestens nach den Wahlen in Rheinland-Pfalz wird sich die Parteiführung jedoch nicht mehr um die aufgestaute Kursdebatte drücken können. Groß ist die Sehnsucht, als die linke Stimme im Land wahrgenommen zu werden.
Cem Özdemir hat jedoch bewiesen, dass die Chance der Grünen in der Mitte liegt. Um dahin zu kommen, muss sich die Partei jedoch verändern.
