Der Lincoln aus Oberschwaben: Kretschmanns Schwäche war gleichzeitig seine größte Stärke
Zwischen uns liegen 35 Jahre Lebenserfahrung. Winfried Kretschmann, geboren 1948, wuchs in Schwaben auf, das den Krieg gerade hinter sich hatte. Ich, geboren 1983, wuchs in Heidelberg auf, in einer anderen Republik und mit einem anderen Selbstverständnis.
Im Jahr 2021 wurde ich sein Finanzminister. Einige Zeit später, während schwieriger Haushaltsberatungen, bat er mich zu sich, um über die finanziellen Anmeldungen seines Staatsministeriums zu sprechen. Für einen Finanzminister ist das keine leichte Aufgabe. Einerseits muss er das Staatsministerium genauso streng bewerten wie jedes andere Ressort. Andererseits ist es das Ministerium des eigenen Chefs.
Kretschmann sagte nur: „Die Stärkung der Bürgerbeteiligung ist mir wichtig.“ Ich war überrascht, dass er nur diesen einen Punkt betonte. Keine Sonderbehandlung, kein Druck. Diese Episode ist mir in Erinnerung geblieben, weil sie viel über ihn und sein Führungsverständnis aussagt: Sich nicht wichtiger nehmen als andere und Reden und Handeln in Einklang bringen.
Ich wusste bereits, dass dieser Mann außergewöhnlich ist, bevor ich am Kabinettstisch Platz nahm. Nicht nur, weil er der erste grüne Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik war, sondern weil er offensichtlich anders war als andere. Tiefgründig. Eigenwillig. Geerdet. Ein Politiker, bei dem Überzeugung mehr zählt als Kalkül. Fünf Jahre gemeinsame Arbeit haben diesen Eindruck vertieft.
Er ist ein Politiker, der neue Situationen nicht nach Umfragewerten beurteilt, sondern nach seinen Werten.
Er ist ein Politiker, der neue Situationen nicht nach Umfragewerten beurteilt, sondern nach seinen Werten.
Grünen-Politiker Danyal Bayaz über Winfried Kretschmann
Es gibt einen beeindruckenden Spielfilm, in dem Daniel Day-Lewis Abraham Lincoln verkörpert. Als ich ihn sah, drängte sich mir ein Vergleich auf, den ich selbst zu groß fand, aber so empfand ich es: Hier wie da ein Politiker mit tiefen........
