Muslim über Umgang mit Rassismus-Studie: Die nächste Ohrfeige für uns Diskriminierte
Vor wenigen Tagen erschien eine Studie, die eigentlich eine breite politische Debatte hätte auslösen müssen. Stattdessen verschwand sie beinahe geräuschlos im digitalen Hintergrund des Bundesinnenministeriums. Nicht wegen mangelnder Relevanz – sondern vermutlich gerade wegen ihrer Brisanz.
Asif Malik ist Dipl.-Betriebswirt und MBA. In Hamburg führt er als Unternehmer ein Immobilienmaklerbüro und eine Personalberatung. Ehrenamtlich engagiert er sich seit 20 Jahren im interreligiösen Dialog und ist Mitinitiator zahlreicher integrativer Projekte.
Die Untersuchung des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt mit dem Titel „Institutionen & Rassismus“ wurde über mehrere Jahre mit Millionenbeträgen aus Bundesmitteln finanziert. Thema: Wie staatliche Behörden – von Polizei über Jobcenter bis zu Ausländer- und Sozialbehörden – mit Bürgerinnen und Bürgern umgehen.
Ziel war die Analyse institutioneller Muster: Wie entstehen Benachteiligungen dort, wo Gleichbehandlung eigentlich garantiert sein soll?
Das zentrale Ergebnis ist ebenso nüchtern wie unbequem: Diskriminierung zeigt sich häufig nicht als persönliches Fehlverhalten einzelner Beschäftigter, sondern als Folge organisatorischer Routinen.
Verwaltungsabläufe, Risikoannahmen und Entscheidungspraktiken können dazu führen, dass bestimmte Gruppen häufiger kontrolliert, misstrauischer behandelt oder strukturell benachteiligt werden – selbst dann, wenn niemand bewusst diskriminieren will.
Gerade diese Feststellung macht die Studie politisch schwierig. Solange Ungleichbehandlung auf individuelle Vorurteile reduziert werden kann, bleiben Lösungen überschaubar: bessere Schulungen, klarere Regeln, mehr Sensibilisierung.
Wird das Problem jedoch strukturell beschrieben, richtet sich der Blick auf Verfahren und Institutionen selbst. Dann geht es um die Funktionsweise staatlicher Organisationen.
Für viele Menschen in diesem Land, die sich von Behörden systematisch ausgebremst fühlen, liefert das – auch wenn es inhaltlich zu beklagen ist – die beruhigende Feststellung, dass sie sich die Benachteiligungen nicht einbilden. Das wurde ihnen oft genug gespiegelt, wenn erhobene Diskriminierungsvorwürfe pauschal abgewiesen wurden.
Überreiztes Gehirn? Same. Deshalb haben wir „MindHacks“ entwickelt: ein 7-Wochen-Mail-Kurs gegen Scroll-Sucht, Entscheidungslähmung und mentalen Overload.
Ich bin damit einverstanden, dass mir per E-Mail interessante Angebote des Tagesspiegels unterbreitet werden. Meine Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Umso bedauerlicher ist darum der Umgang mit der Studie. Während andere sicherheitspolitische Untersuchungen öffentlichkeitswirksam präsentiert werden, erfolgte diese Veröffentlichung zunächst beinahe beiläufig. Was sicher kein Zufall ist. Und sogar die Studienautoren geärgert hat.
Für viele Menschen in diesem Land liefert die Studie die beruhigende Feststellung, dass sie sich die Benachteiligungen nicht einbilden.
Für viele Menschen in diesem Land liefert die Studie die beruhigende Feststellung, dass sie sich die Benachteiligungen nicht einbilden.
Denn die Studie liefert etwas, das in der deutschen Debatte häufig fehlt: empirische Differenzierung. Sie zeichnet weder das Bild eines grundsätzlich diskriminierenden Staates noch das einer vollständig neutral funktionierenden Verwaltung. Statt moralischer Zuschreibungen beschreibt sie Spannungen moderner Bürokratien.
Der Studienbefund passt ganz offensichtlich nicht in die bekannten Lagerlogiken: Wer strukturelle Probleme anerkennt, stellt den Rechtsstaat nicht infrage. Und wer auf rechtsstaatliche Prinzipien verweist, widerlegt strukturelle Effekte nicht automatisch. Die Studie zwingt dazu, beide Einsichten gleichzeitig auszuhalten.
Weitere Texte aus dem Ressort Gesellschaft bei Tagesspiegel Plus:
Lesen Sie jetzt auch:
Gerade deshalb wäre eine offene politische Debatte notwendig gewesen. Denn Vertrauen in Institutionen entsteht nicht durch die Behauptung ihrer Fehlerfreiheit, sondern durch die sichtbare Bereitschaft zur Korrektur. Kritik schwächt staatliche Autorität nicht – ihr auszuweichen, hingegen schon.
