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Gedenken an die Shoah: Warum Scham in der Erinnerungskultur nicht mehr funktioniert

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28.01.2026

Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies ist die erste uns bekannte Horrorgeschichte. Das Monster in Form einer Schlange verführte die ersten Menschen zur Erbsünde und brachte den Tod in die Welt. Moderne Horrorgeschichten ersetzen die Erbsünde durch Schuld- und Schamgefühle. Ob in The Shining oder Stranger Things quälen Schuldgefühle die Figuren, füttern das Monster. Kein anderes Genre verbindet so nachdrücklich Psyche mit Tod.

Mary Shelleys Frankenstein erweiterte Horror um die Moralphilosophie, indem sie fragte: Wer gehört zu uns? Und wen jagen wir? Nicht zufällig ist Frankensteins Monster ein Zwischenwesen. Es zu töten, heißt, dem Tod zu entkommen, aber auch, ein Mörder zu werden. Persönliche Horrorgeschichten handeln von jenen Momenten, in denen wir eine Schuld auf uns geladen haben, für die wir uns schämen.

Nationale Horrorgeschichten handeln von jenen Momenten, in denen unser Land eine Schuld auf sich geladen hat, für die es sich schämt.

Das Dritte Reich ist unsere nationale Horrorgeschichte. Wie Dr. Frankenstein trugen wir einst antisemitische Geschichten als Körperteile zusammen, erschufen „das jüdische Monster“ und verwandelten uns selbst in ein Monster. Die Konzentrationslager als entsetzliche Orte erinnern daran.

Die meisten Länder hassen ihre Horrorgeschichte, spielen sie herunter oder bestreiten sie gänzlich. Stattdessen ergehen sie sich in glorreichen........

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