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Iran-Krieg: Warum der Engel der Geschichte festhängt

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25.03.2026

Berlin hatte letztes Jahr mehr Glück. Anfang Mai 2025 hing Paul Klees ikonische kleine Aquarellzeichnung „Angelus Novus“ als Preziose in einer Ausstellung des Bode-Museums, die dem Gedenken ans Ende des Zweiten Weltkriegs gewidmet war, an die Befreiung von Hitlers Gewaltherrschaft durch die Alliierten, an die 50 Millionen Toten weltweit. Und die sechs Millionen Holocaust-Opfer.

Jetzt verhindert der Iran-Krieg, dass Klees Engel in einer sicheren Transportkiste nach New York fliegen kann, wo man ihn im dortigen Jüdischen Museum dringend für eine Ausstellung erwartet. Doch das ist beim derzeitigen Raketenbeschuss und Drohnenangriffen der Mullahs und der Hisbollah auf Tel Aviv und die Region zu gefährlich. Also hängt der „Engel der Geschichte“, wie  denkwürdig, im Kriegsgeschehen der Gegenwart fest. Das internationale Online-Kunstmagazin Hyperallergic zitiert einen bedauernden Aushang im New Yorker Museum, in dem dezent von einer Verzögerung „infolge der aktuellen Lage im internationalen Warenverkehr“ die Rede ist. Klees „Angelus Novus“ werde demnach vorerst durch einen „Platzhalter“ repräsentiert.

Was uns im Bode-Museum 80 Jahre nach Kriegsende die „Engel der Geschichte“ sagen

Paul Klee schuf das Werk mit Tusche und Ölkreide im Zug einer ganzen Engel-Serie im Jahr 1920. Weltweit bekannt wurde es durch seinen Besitzer, den jüdischen Kulturkritiker Walter Benjamin, der das Blatt 1921 in einer Münchener Galerie kaufte, es fortan fast immer bei sich trug und mehrere seiner Schriften auf das Motiv bezog.

Erinnerung an einen Suizid

Die Zeichnung gilt seit Kriegsende 1945 als Symbol für die Verfolgung durch die Nazis, und sie trägt immer auch die Erinnerung an Benjamins Suizid mit sich, den er 1940 auf der Flucht im spanischen Grenzort Port Bou in den Pyrenäen beging. Die Zeichnung überstand die Katastrophe nur, weil der Philosoph sie ahnungsvoll in der Bibliothèque Nationale in Paris versteckt hatte. Von dort gelangte sie in die Hände von Theodor W. Adorno; er gab das Werk nach Jerusalem.

Das kostbare Blatt, auf dem der etwas dämonische Engel mit den Gesichtszügen des Reformators Martin Luther auf etwas starrt, von dem er sich offenbar gleich mit Flügelschlägen entfernen möchte, inspirierte Benjamin 1940 zu seinem Essay „Angelus Novus“: Da heißt es: „Mein Flügel ist zum Schwung bereit/ ich kehrte gern zurück/ denn blieb ich auch lebendige Zeit/ ich hätte wenig Glück“. Diese zweiflerische Sentenz aus dem im Exil geschriebenen 18 Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ verrät die tiefe Melancholie, ja Verzweiflung. Es war Benjamins letzte Arbeit vor seinem Tod.


© Berliner Zeitung