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Expo 2035 könnte ganz Berlin verändern – Kampagne jetzt offiziell gestartet

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25.03.2026

Schon aus der Ferne sieht man die neongrünen Shirts, mit denen die Mitarbeitern von Expo 2035 Berlin im Kino International die Gäste begrüßen, um ihre Kampagne offiziell zu starten. Auf den T-Shirts und auf zwei schwarzen Bussen vor dem Gebäude prangt ein langes „Jaaaaa“ – das Ja dazu, die Weltausstellung in neun Jahren nach Berlin zu holen.

Für eine Bewerbung bedarf es jedoch der Zustimmung des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU), der sich angesichts der Pläne für Olympische Spiele in Berlin noch zögerlich zeigt. Anschließend müsste der Bundeskanzler die Bewerbung offiziell in Paris einreichen, Ende 2027 wird dann entschieden. Mit Miami steht bereits ein aussichtsreicher Gegenkandidat bereit, den US-Präsident Donald Trump ins Rennen schicken möchte.

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„Wollt ihr in einer sauberen Spree schwimmen?“

Die Zeit drängt also, und so dauert die gut gelaunte Veranstaltung im frisch renovierten Kino International auch gerade einmal 26 Minuten. Auf die Leinwand werden in knallgrüner Schrift Schlagworte projiziert: Habt ihr Lust auf Zukunft? Auf mehr Tempo? Auf Miteinander, einen schnelleren Nahverkehr, gute Jobs und leistbare Wohnungen? Wollt ihr im Sommer in einer sauberen Spree schwimmen? Das Publikum antwortet im Chor mit einem lautstarken „Jaaaaa“.

Nach der Präsentation setzt sich die Aktion vor der Tür fort. Die schwarzen Busse mit dem grünen „Jaaaa“-Aufdruck fahren vom Kino direkt zum Roten Rathaus. Dort werden Briefe abgegeben, die den Regierenden Bürgermeister zu einer Entscheidung für die Expo bewegen sollen. Wer nicht mitfährt, kann seine Unterstützung über ein Online-Portal bekunden. Es ist der Versuch, den politischen Entscheidungsprozess durch eine sichtbare Beteiligung der Bürger zu beschleunigen.

Weltausstellungen als Schaufenster des Fortschritts

Die Expo geht auf die Great Exhibition 1851 in London zurück. Seither hinterließen Weltausstellungen Wahrzeichen wie den Eiffelturm in Paris oder das Atomium in Brüssel. Aber auch Erfindungen wie das Telefon, erste Fernsehübertragung oder der Touchscreen wurden erstmals auf einer Weltausstellung vorgeführt. Expos gelten als Schaufenster des Fortschritts, der technischen Leistungsfähigkeit und der Völkerverständigung.

Die Geschichte der Weltausstellung weist jedoch auch Schattenseiten auf. Im 19. Jahrhundert war der Wettstreit von jenem Nationalismus geprägt, der in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts mündete. Auch koloniale Sichtweisen und sogenannte Völkerschauen gehörten zur Realität früherer Ausstellungen.

Bis heute war kein südamerikanisches Land Gastgeber einer Weltausstellung. Nach 1945 wandelte sich die Expo zur modernen Wirtschaftsmesse, blieb aber auch weiterhin ein Ort, um nationale Selbstinszenierung zu erproben. Indien, Pakistan und Kambodscha in den 1970er-Jahren, aber auch das vereinigte Deutschland 1992 in Sevilla nutzten die Bühne, um erste nationale Selbstdefinitionen vor der Weltbühne zu versuchen.

Deutschland war bisher nur einmal Expo-Gastgeber

Gastgeber war in Deutschland bisher nur Hannover, bei der Weltausstellung von 2000. Hinter der Berliner Kampagne steht der Verein Global Goals für Berlin. „Ziel ist es, mit der Expo 2035 einen Transformationsprozess anzustoßen, der ökologische, soziale und wirtschaftliche Innovation vereint“, teilt der Verein in einer Pressemitteilung mit; man wolle Nachhaltigkeit „in allen Lebensbereichen Realität“ werden lassen.

Das räumliche Konzept sieht vor, den ehemaligen Flughafen Tegel als Hauptstandort zu nutzen, doch die Initiatoren wollen die gesamte Stadt einbeziehen. Unter dem Motto, ganz Berlin zur Weltausstellung zu machen, sollen neben Tegel auch der Flughafen BER als Tor zur Welt und Standorte wie die City West zentrale Rollen spielen. Auch die einzelnen Kieze sind fest in das Modell eingebunden, um die Schau direkt in den städtischen Alltag zu bringen.

Berlin braucht Großveranstaltungen

Die veranschlagten 2,1 Milliarden Euro für die Infrastruktur, etwa für U-Bahn-Verlängerungen und die Erschließung in Tegel, werden von Befürwortern als sinnvoll investiertes Kapital in die Zukunft der Stadt gesehen. Refinanziert werden soll die Summe primär durch Ticketverkäufe, während die teilnehmenden Nationen ihre Pavillons traditionell auf eigene Kosten errichten.

Angesichts des 800. Stadtjubiläums Berlins im Jahr 2037 und der geplanten Internationalen Bauausstellung (IBA) stellt sich die Frage, wie die Kräfte der Stadt am besten gebündelt werden können. Während Befürworter die weltweite Ausstrahlung betonen, verweisen Kritiker auf die langfristigen finanziellen Lasten und die Konkurrenz zu anderen Großprojekten wie die Olympischen Spiele.Dass Berlin Großveranstaltungen dieser Art dringend benötigt, scheint indes klar zu sein – insbesondere mit Blick auf den Tourismus. Die Zahl der Übernachtungen in Berlin geht zurück, 2025 sank sie unter die 30-Millionen-Marke. Der Krieg im Iran und die gestiegenen Reisekosten dürften die Lage zusätzlich verschärfen.


© Berliner Zeitung