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Die ganz große Bühne: In der ARD darf ein Schaumschläger viel Wind um sich machen

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27.03.2026

Ein Mann darf für Dreharbeiten die Haftanstalt verlassen. Der Freigänger lässt sich in Szene setzen wie zu seinen großen Zeiten als Hochstapler: Er schenkt sich Sekt im Privatjet ein, lässt sich im Bentley kutschieren, beim Schneider Maßanzüge anfertigen. Er klettert mit Jagdgewehr in einen Hochsitz, als dürfe er noch jagen. Hendrik Holt scheint die Dreharbeiten zu genießen und betont, er sähe sich immer noch als Gewinner.

Dabei verbüßt er wegen bandenmäßigen Betrugs, Bestechung, und Verabredung zum Verbrechen eine achtjährige Haftstrafe. Holt hatte mit Fake-Firmen und gefälschten Unterschriften Windpark-Projekte erfunden und Millionensummen von ausländischen Energie-Konzernen abgezockt. Kurz vorm geplanten Absetzen ins Ausland wurde er im April 2020 im Berliner Hotel Adlon verhaftet. Der Fall hatte für viel Medienwirbel gesorgt.

Der Schaumschläger erklärt sich selbst

Doch warum muss die ARD nun, vier Jahre nach den Gerichtsurteilen, dem „Windkraft-Schwindler“ noch mal eine aufwendige Neunzig-Minuten-Doku widmen? Die Redaktionen von HR, SWR und NDR erklären, der Film solle die Mechanismen hinter seinem Betrug offenlegen und die gesellschaftlichen Strukturen, die diesen ermöglichten. Jan Peter, zusammen mit Sandra Naumann für Drehbuch und Regie verantwortlich, betont, er wolle die Welt der schönen Bilder, die der Hochstapler kreiert hat, dekonstruieren.

Das ist nicht allzu schwer: Die Zuschauer wissen von Beginn an, dass die vorgeführte Welt eine Scheinwelt ist. Doch erklären darf sie vor allem einer: der Schaumschläger selbst. Hendrik Holt, 1990 als Spross einer Unternehmerfamilie im Emsland geboren, fühlte sich in Kindheit und Jugend als „Prinz“. Geprägt wurde er von seinem autoritären Großvater, der ihm offenbar den Dünkel beibrachte: Ein Foto zeigt den kleinen Hendrik mit einer Pickelhaube auf dem Kopf. Nachdem der Patriarch starb und seine Firma in den Konkurs ging, wollte die wohlhabende Familie den sozialen Abstieg offenbar nicht wahrhaben.

Zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zog Hendrik Holt ein Geflecht von Scheinfirmen auf, die nur in Instagram-Stories und auf Klingelschildern existierten. Holt inszenierte sich als Mann von Welt: mit teuren Uhren, Fahrzeugen und Hotels. In Berlin musste es immer die Suite mit dem Blick auf das Brandenburger Tor sein. Auch die Medien spielten mit: PR-Texte wurden ungeprüft übernommen. Den Gipfel erreichten die Holts 2020, kurz vor dem Absturz. Hendrik Holt war ausgerechnet Sponsor der Münchner Sicherheitskonferenz – mit einer Firma, die es noch gar nicht gab. Er posierte dort mit Politikern wie dem früheren US-Außenminister John Kerry.

Wie weit einer mit bloßem Geprotze kommen kann

Die Gegenseite, die Holts Prahlereien geraderücken muss und seine kriminellen Machenschaften aufdeckte, sitzt dagegen in vergleichsweise nüchternen Büros: zwei Reporter der Neuen Osnabrücker Zeitung sowie Ermittler und Staatsanwälte. Ins Rollen brachte die Ermittlungen ein Dezernent, dem eine Anzeige wegen Urkundenfälschung auf den Tisch kam. Alle sind immer noch erstaunt darüber, wie weit einer mit bloßem Geprotze kommen kann.

Doch für diese Erkenntnis hätte es keine neunzig Minuten gebraucht. Viel zu viel Zeit bekommt Hendrik Holt, dessen Angebereien erst nerven, dann langweilen. Er bleibt ein selbstverliebter Schnösel ohne einen Funken Selbstreflexion. So preist er die Stärke seiner Familie – dabei sind Mutter und Geschwister zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Nur die Großmutter distanziert sich von ihm. Der Hochstapler will auch nach der Haft noch nach ganz oben: Als Vorbild nennt er Donald Trump.

„Holt – Der Windkraft-Schwindler“ – ab 27.3. in der ARD-Mediathek, am Mi, den 8.4., um 22.50 Uhr in der ARD


© Berliner Zeitung