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Trumps Dilemma: „Make America great again“ oder Kriege in der Ferne?

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02.03.2026

Wie an dieser Stelle vorhergesagt, folgt das amerikanische Vorgehen im Iran der „Kingpin-Strategie“ – die Liquidierung der Führungsfigur eines feindlich gesinnten Staats (Beispiel Venezuela) oder einer Organisation (Beispiel mexikanisches Drogenkartell) soll eine Machtstruktur nicht zerstören, sondern gefügig machen. Im Lingo der Politstrategen: Regime Alteration statt Regime Change. Regimeänderung statt Regimewechsel.

Ob die US-Planer damit erfolgreich sind, ist alles andere als ausgemacht. Die Islamische Republik Iran ist keine Familien- oder Clan-Diktatur, sondern eine über 50 Jahre gewachsene Machtbürokratie mit vielschichtigen Strukturen. Sie ist, so fremd es für europäische Ohren klingen mag, ein verfassungsmäßig organisiertes Gemeinwesen, das wirksam Loyalitäten einfordern und auf ein Fünftel der 90-Millionen-Bevölkerung als Basis sicher zählen kann.

Hinzu kommt, dass dieser Staat vor wenigen Wochen bewiesen hat, dass er jeden Widerstand seitens der übrigen vier Fünftel mit mörderischer Gewalt niederzuschlagen bereit ist.

Kein Versinken im Chaos

Die Hoffnung, ein solches Gemeinwesen allein durch die Raketen und Bomben ausländischer Mächte aus der Welt zu schaffen, ist verstiegen. Das gilt auch dann, wenn mithilfe dieser Bomben und Raketen ein halbes Dutzend Schlüsselfiguren ins Paradies der Märtyrer befördert wird. Die Stunden nach dem Ableben des seit Jahrzehnten regierenden Revolutionsführers Ali Chamenei zeigen, dass der islamische Staat eben nicht sofort im Chaos versinkt.

Noch ist es für zuverlässige Prognosen zu früh. Doch die Wahrscheinlichkeit wächst, dass Donald Trump schon bald damit konfrontiert sein wird, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Die Namen sind neu, der Staat ist derselbe: wie zuvor versessen auf sein Atomprogramm, auf die Entwicklung ballistischer Raketen, auf den Kampf gegen den kleinen Satan Israel und den großen Satan USA.

Vom Chaos wird dennoch die Rede sein, und zwar quer durch die gesamte Region. Schon ist die Straße von Hormuz faktisch geschlossen, sogar ohne offizielle iranische Maßnahmen. Die internationalen Versicherer verweigern den Öltankern die Deckung, und ohne Versicherungsschutz schickt kein Reeder seine Schiffe durch ein Kriegsgebiet.

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20 Prozent des global transportierten Rohöls passiert die Meerenge zwischen der Arabischen Halbinsel und dem iranischen Festland; schon deutet sich an, mit welchen Preisausschlägen die Ölwirtschaft reagiert. Beim Flugverkehr sieht es nicht anders aus. Die drei Hubs am Persischen Golf wickeln täglich insgesamt rund 2500 Flüge ab. Derzeit bewegt sich dort gar nichts.

Jeder Coup hat 72 Stunden, eine Faustregel. Wenn die Islamische Republik unter ihren neuen Führern bis Dienstag überlebt, hat der US-Präsident ein Problem. Dann steht er vor der Wahl: Nachlegen oder gute Miene zum bösen Spiel machen?

Gute Miene wäre gleichbedeutend mit Gesichtsverlust. Als Löwe gesprungen und als Bettvorleger gelandet – für Donald Trump keine Option. Und nachlegen? Weitere Wellen amerikanischer Bomben und Raketen würden nur die Zahl ziviler Opfer steigern. Die neuen Führer halten ihre Besprechungen ganz sicher nicht in Bürogebäuden ab – der Fehler hat die Liquidierung der alten Garde überhaupt möglich gemacht.

Und eine Bodenoperation, Boots on the Ground, wie manche Heißsporne sie auch in Deutschland bereits fordern? Damit begänne ein weiterer „forever War“, einer der „ewigen Kriege“ in fernen Ländern, die Trumps national gesinnte MAGA-Gefolgschaft hasst wie der Teufel das Weihwasser.

„Wir werden nicht länger ausländische Regime stürzen, über die wir nichts wissen und in die wir uns nicht einmischen sollten“, lautete sein Bekenntnis vor dem ersten Amtsantritt 2017. Die Abkehr von der Rolle des Weltpolizisten, der Fokus auf die eigenen Interessen und die Konsolidierung der westlichen Hemisphäre als US-Einflussgebiet sind Säulen der MAGA-Ideologie: Make America Great Again. Dabei zeigt der Konflikt um den Iran, inwieweit eine solche Selbstbescheidung illusorisch ist. Im Zeitalter global verflochtener Interessen ist die Supermacht gar nicht in der Lage, sich auf einen eigenen, geschützten Raum zu beschränken.

Der unermüdliche Steve Bannon, MAGA-Vordenker, einstiger Trump-Berater und Betreiber des Podcasts „War Room“, scheint das anzuerkennen, indem er am ersten Tag der amerikanisch-israelischen Angriffe patriotische Stimmen zu Wort kommen lässt. Zugleich hält er sich bedeckt; mehrere Anfragen der Berliner Zeitung ließ er unkommentiert. Für die meisten MAGA-Bewegten wäre ein neuer „ewiger Krieg“ in den eurasischen Wüsten jedenfalls ein Desaster.

30 Prozent des weltweit verbrauchten Rohöls

Doch hat das Weiße Haus eine Wahl? Eine Islamische Republik, die sich nur in ihren Führern unterscheidet, kann Trump nicht als Sieg verkaufen. Ebenso wenig – nach Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien – einen weiteren Chaos-Staat. Wenn jetzt der Ölpreis in den Himmel schießt und die geopolitische Lage im Persischen Golf unter Druck gerät, sind die USA erst recht zum Handeln gezwungen.

Ihren Verbündeten in Israel ist genau das egal: Chaos in der Region. Je mehr die dortigen Staaten mit sich selbst beschäftigt sind, desto weniger bedrohen sie die israelische Existenz. Die USA hingegen, von Europa ganz zu schweigen, sind an einem Minimum an Stabilität interessiert. Aus der Region kommen 30 Prozent des weltweit verbrauchten Rohöls. Dass die Lage dort außer Kontrolle gerät, ist schlichtweg nicht akzeptabel.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de


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