Dauerstau, steigende Mieten: Wie Köpenick unter seinem Wachstum leidet
Die Luft ist klar, die Dahme glitzert im Morgenlicht. Die ersten Touristen fotografieren das Schloss, Radfahrer rollen über das Kopfsteinpflaster. Wer nur kurz durch die Altstadt von Köpenick schlendert, könnte glauben, hier sei die Welt noch in Ordnung. Ein ruhiger Berliner Bezirk, fast provinziell. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt die Brüche.
Los geht es am Schloßplatz. Der barocke Bau spiegelt sich leicht im Wasser, Ausflugsboote liegen scheinbar kraftlos am Ufer, warten auf steigende Temperaturen und damit auf jene, die viel Geld in den Bezirk spülen: die Touristen aus aller Welt. Denn Köpenick lebt vom Wasser, vom historischen Charme. Die Altstadt wirkt lebendig, und gleichzeitig fragil.
Altstadt Köpenick: Läden, die ständig den Besitzer wechseln
Doch schon wenige Meter weiter beginnt eine andere Realität. Ein Ladenlokal steht leer. „Zu vermieten“ steht auf den verschmutzten Scheiben. Einige Meter weiter ein ähnliches Erscheinungsbild. Sauberkeit? Fehl am Platz an diesen Orten. Dann noch ein weiteres leer stehendes Ladenlokal. Ein älterer Mann bleibt stehen, schaut sich die verwaiste Auslage des ehemaligen Geschäftes an. „Früher, da war das hier anders. Da war hier alles voll und immer sauber“, und zeigt in Richtung Ladenlokal. „Jetzt findet hier ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel statt“, sagt er. Die Ladenbesitzer würden sich sprichwörtlich die Klinke in die Hand geben.
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Nächster Zwischenstopp: die Bahnhofstraße. Sie ist die verkehrstechnische Lebensader des Bezirks. Wer hier entlang muss, spürt schnell die andere Seite von Köpenick. Statt Postkartenidylle wie in der Altstadt oder am Schloss, drängt sich hier Fahrzeug an Fahrzeug, Hupen geben ohne Pause ein nervendes Konzert, Radfahrer versuchen, sich in dem Gewusel zu behaupten. „Garniert“ wird das Ganze mit Bussen und Straßenbahnen. Alle drängen sich durch diese eine Straße, die längst zu klein geworden ist.
Köpenicks Infrastruktur: Baustellen ziehen sich über Jahre
Denn Köpenick wächst. Mittlerweile leben im Gesamtbezirk Treptow-Köpenick mehr als 200.000 Menschen, Tendenz steigend. Neue Wohnungen entstehen in Oberschöneweide, in Friedrichshagen, entlang der Spree. Doch es bleibt ein Problem, das immer offensichtlicher wird: Die Infrastruktur hält nicht Schritt. Eine Momentaufnahme unterstreicht das: Eine Straßenbahn quietscht um die Kurve, dahinter staut sich eine Kolonne Autos. „Der tägliche morgendliche Wahnsinn“, sagt die Bäckerei-Verkäuferin.
Der Verkehr ist eines der größten Probleme im Südosten Berlins. Brücken sind marode, Baustellen ziehen sich über Jahre. Stau ist werktags garantiert. Sehr zum Ärger der Pendler in Richtung Berlin.
Und ein weiteres Problem breitet sich in dem Bezirk aus. Wohnen wird in Köpenick immer schwieriger, da die Preise pro Quadratmeter seit Jahren steigen. Galt der Bezirk früher noch als „billig“, wenn es um Mieten ging, so haben sich die Zahlen mittlerweile angenähert: So kostet der Quadratmeter im Durchschnitt bis zu 16 Euro. Und liegt damit nur noch etwa vier bis fünf Euro unter dem Preis, der beispielsweise für Mitte oder Prenzlauer Berg aufgerufen wird. Ein Schnäppchen ist Köpenick nicht mehr.
Der Weg führt weiter über eine kleine Brücke zur Dahme. Hier ist es ruhig. Möwen kreisen über dem Wasser. Ein Angler sitzt am Ufer. Fast bewegungslos. Sein Blick fixiert eine größere Baustelle auf der anderen Seite des Gewässers. „Neues Wohnquartier“, lautet seine Antwort auf eine entsprechende Frage. „Wir brauchen aber auch Kitas und mehr Schulen“, sagt er noch abschließend. Zustimmendes Kopfnicken vom Angler-Kollegen. „Hier wird kräftig gebaut, aber niemand fragt, ob die vorhandene Infrastruktur das aushält.“ Dann herrscht wieder Ruhe am Ufer. Und die Männer warten, dass was anbeißt.
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Besserung in Sicht? Wie BVG und Wasserbetriebe vorankommen
Seit gut zwei Jahren beschäftigt die Köpenicker besonders ein Thema: der Verkehr. Der scheint dem Vernehmen nach fast zum Erliegen zu kommen – sagen jedenfalls einige Bewohner. Ursache sind koordinierte Bauarbeiten der BVG und der Berliner Wasserbetriebe. So wird das vorhandene Schienennetz saniert, vielerorts erneuert. Und da die Versorgungsleitungen tiefer als Schiene und Gleisbett liegen, praktizieren die beiden Unternehmen erfolgreich den Schulterschluss. Man komme gut voran, heißt es aus den Firmenzentralen.
Im kommenden Jahr sollen dann die Arbeiten fertig sein, die derzeit vorhandenen Sperrungen und Einschränkungen der Vergangenheit angehören. „Das wird auch Zeit“, sagt ein Gastronom unweit des Rathauses. Vor seinem Laden seien die Arbeiten bereits abgeschlossen. „Und so langsam kommen endlich die Gäste wieder“, sagt der Mann, der sich Mahmut nennt. Während der Baumaßnahme hätte er 40 Prozent Einbußen gehabt. „Ich musste sogar zur Bank deswegen“, berichtet er. Einige Hundert Meter weiter steht eine Frau vor einem Friseurladen. „Ich verstehe nicht die Aufregung“, sagt sie. Die Arbeiten seien nötig gewesen. „Neue Leitungen und Schienen tragen doch zu einer besseren Infrastruktur bei“, begründet sie ihre Entspanntheit.
Nach fast einer Stunde endet der Rundgang wieder am Wasser. Die Sonne steht inzwischen höher. Und die Erkenntnis reift: Noch zeichnet Köpenick der besondere Charme aus, diese Mischung aus Provinz, Natur und Geschichte. Aber auch hier zeigen sich dieselben Probleme wie im restlichen Berlin. Köpenick ist damit ein kleines Abbild der ganzen Stadt. Und wird hoffentlich nicht davon eingeholt.
