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Gefangen in der Abwärtsspirale: 1. FC Union Berlin ignoriert Baumgarts Matchplan

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15.02.2026

Christopher Trimmel gab sich keine Mühe, seinen Ärger zu verbergen. Die ganze Trainingswoche, so sagte es der Kapitän des 1. FC Union Berlin sinngemäß, habe sich seine Mannschaft mit den Stärken und Schwächen des Hamburger SV auseinandergesetzt, dabei unübersehbar erkannt, dass der kommende Gegner vor allem bei Umschaltsituationen in der Offensive brandgefährlich sein würde. „Wir wussten, dass sie vor allem im Zentrum immer wieder auf Ballgewinne spekulieren. Wir haben ihnen in die Karten gespielt, indem wir uns haben überlaufen lassen. Ihre Angriffe hätten wir unterbinden müssen. All das waren Schwerpunkte und dementsprechend haben wir den Matchplan nicht umgesetzt“, fand der Routinier deutliche Worte.

Mit 2:3 (1:2) hatten die Köpenicker gerade beim HSV verloren, den Gegner in der Tabelle der Fußball-Bundesliga dadurch vorbeiziehen lassen. Auch nach dem siebten Spiel im neuen Jahr wartet Union auf einen Sieg und muss in der derzeitigen Verfassung nicht einmal mit einem Auge auf die Plätze sieben oder acht schielen, die am Saisonende womöglich zur Teilnahme am internationalen Wettbewerb berechtigen.

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Leopold Querfeld hatte die Gäste im ausverkauften Volkspark nach 28 Minuten per verwandeltem Foulelfmeter in Führung gebracht. Nachdem Union in den zurückliegenden sechs Partien stets einem 0:1-Rückstand hinterhergelaufen war, hätte dieser Treffer für Sicherheit sorgen können. Doch die Berliner, sonst mindestens für solide Defensivarbeit bekannt, ließen sich das Spiel noch vor dem Seitenwechsel aus der Hand nehmen. Ransford Königsdörffer (35.) und Nicolas Capaldo (45.+2) trafen für Hamburg, wobei vor allem das zweite Tor niemals hätte fallen dürfen.

Auf der Gegenseite hatte Andrej Ilic nur Sekunden zuvor das eigentlich sichere 2:1 für Union verpasst. Nach einem Aussetzer von Torhüter Daniel Heuer Fernandes, der sich bei einem Ball in die Tiefe verschätzte, lief der Serbe in halb rechter Position alleine auf das leere Tor zu. Noch entscheidend gestört von Ex-Hertha-Profi Jordan Torunarigha schob er den Ball links vorbei. Trainer Steffen Baumgart gab dem Stürmer noch beim Gang in die Kabine einen aufmunternden Klaps, wurde später auf der Pressekonferenz aber deutlich. „Klarer“, so der ehemalige Coach des HSV, „wird es nicht mehr.“

„Momentan nicht gut genug, um Spiele zu gewinnen“

„Andrej ist lange genug im Fußballgeschäft dabei. Mit ihm müssen wir kein psychologisches Gespräch führen, denn er weiß auch, dass ihm nur Tore helfen können. Ich hoffe, sein Treffer heute war der Dosenöffner für ihn“, verwies Christopher Trimmel auf Ilics erstes Saisontor tief in der Schlussphase (89.). Da hatte der Serbe die Berliner tatsächlich noch ein zweites Mal an diesem Tag jubeln lassen, was unter dem Strich allerdings nur statistischen Wert hatte. Königsdörffer hatte mit seinem zweiten Tor, in dessen Entstehung er Querfeld ganz alt aussehen ließ, die Hausherren zuvor schon auf die Siegerstraße gebracht (82.).

Bleibt die Frage, warum Union es nicht geschafft hatte, die Vorgaben des Trainers umzusetzen. Es sei „gar nicht“ zu erklären, so Baumgart. „Wir haben es klar angesprochen. Der HSV hat absolute Stärken im Umschaltspiel, das machen sie richtig, richtig gut. Wenn man die Bälle dann so verliert wie wir, spielt man so einem Gegner eben in die Karten“, kritisierte der 54-Jährige. „In den drei Aktionen reicht es einfach nicht aus. Wir verteidigen als Kollektiv und wir greifen als Kollektiv an. Das machen wir momentan nicht gut genug, um Spiele zu gewinnen.“

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Zwar hat der 1. FC Union Berlin nach den Niederlagen der Teams im Tabellenkeller weiterhin sechs Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz, doch die Alarmsignale rund um die Alte Försterei sind spätestens seit dem ernüchternden Auftritt am Sonnabend unüberhörbar. „Wir haben die gleiche Anzahl an Punkten wie der HSV (25; Anm. d. Red.), aber der Gegner hat eine Spirale nach oben und wir nach unten“, wollte Baumgart die sportliche Situation nicht beschönigen.

Am Sonnabend (15.30 Uhr) gastiert als nächster Gegner Bayer 04 Leverkusen in der Hauptstadt. Es könnte ein besonders günstiger Zeitpunkt sein, muss die Mannschaft des dänischen Trainers Kasper Hjulmand doch keine 72 Stunden vorher auswärts in den Champions-League-Play-offs bei Olympiakos Piräus antreten.

Der Fokus der Werkself dürfte rund um Hin- und Rückspiel gegen den griechischen Meister allein schon aus finanzieller Sicht auf dem Weiterkommen in der Königsklasse liegen. Trotzdem – müde Beine oder verschobener Fokus beim Gegner hin oder her – wird Union zwangsläufig die defensiven Unzulänglichkeiten in den Griff bekommen müssen. Sonst mündet die Abwärtsspirale womöglich doch noch mal im Abstiegskampf.


© Berliner Zeitung