1. FC Union Berlin: Baumgart warnt – und widerspricht Kemlein
Nicht ganz ein Jahr ist es her, da drohte der 1. FC Union Berlin tief im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga zu versinken. Empfindliche Niederlagen hatten die Köpenicker bei Borussia Dortmund (0:6) und gegen Schlusslicht Holstein Kiel (0:1) hinnehmen müssen, das Gastspiel bei Eintracht Frankfurt war womöglich schon die letzte Chance für Trainer Steffen Baumgart, seinen Job zu retten. Viel sprach an jenem Tag nicht für Union, erst recht nicht, nachdem die Gastgeber früh in Führung gegangen waren.
Dann aber machte sich mit zunehmender Spieldauer bemerkbar, dass die Eintracht drei Tage zuvor ein kräftezehrendes Spiel in der Europa League bei Ajax Amsterdam in den Beinen gehabt hatte. Zwischen den zwei Achtelfinal-Duellen mit dem niederländischen Rekordmeister erwischten die Eisernen den Gegner auf dem falschen Fuß, drehten die Partie in einen 2:1-Auswärtssieg und blieben anschließend sieben weitere Spiele ohne Niederlage. Die Basis für den Klassenerhalt, der am Osterwochenende nach dem spektakulären 4:4 gegen den VfB Stuttgart auch rechnerisch feststand.
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Ganz so prekär wie seinerzeit ist die aktuelle sportliche Ausgangssituation nicht. Vor dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (Sonnabend, 15.30 Uhr) hat Union sechs Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz, erarbeitet sich deutlich mehr Torchancen als noch vor einem Jahr und scheint trotz sieben Partien ohne Sieg einigermaßen gefestigt.
Viele weitere Negativerlebnisse sollte es aber nicht geben, sonst dürfte die Situation eine unangenehme Eigendynamik entwickeln. Womöglich kommt das Aufeinandertreffen mit dem Deutschen Meister der Saison 2023/24 da gerade recht. Leverkusen musste in den Champions-League-Playoffs am späten Mittwochabend im Hexenkessel bei Olympiakos Piräus bestehen, und nimmt dank eines Doppelpacks von Stürmer Patrik Schick einen 2:0-Vorsprung mit ins Rückspiel am Dienstag kommender Woche. Der Auftritt und die Reisestrapazen dürften allerdings Kraft gekostet haben.
Baumgart lobt Bayer: „Absolute Ballsicherheit“
Baumgart verfolgte das Geschehen von der heimischen Couch aus, sah eine Mannschaft, die „sehr geduldig“ spielt. „Es zeichnet sie momentan aus, dass sie die Fehler des Gegners richtig ausnutzen. Sie haben eine absolute Ballsicherheit und spielen nicht hektisch nach vorne“, referierte der 54-Jährige über die Vorzüge der Bayer-Elf. „Als neutraler Zuschauer ist das schön anzusehen. Als gegnerischer Trainer muss man Lösungen finden, dass sie erst gar nicht in diese Stärken kommen.“
Am Mittwoch hatte Aljoscha Kemlein in einer Medienrunde davon gesprochen, dass dem Team derzeit „der absolute Wille“ fehlen würde. Baumgart wollte das so nicht stehen lassen. „In der Hinsicht widerspreche ich ihm. Ich will meinen Spielern nicht den Willen absprechen, dass sie bestimmte Dinge auf dem Platz umsetzen wollen. Fakt ist aber, dass wir unsere Fehler abstellen müssen“, führte der Trainer aus und blickte zurück auf die 2:3-Niederlage beim Hamburger SV: „Wir wussten, was sie für Stärken haben und haben trotzdem dreimal in ihre Stärken reingespielt. Das darf uns nicht passieren.“
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Wie schon beim Spiel in der Hansestadt muss der Trainer auf die verletzten Diogo Leite, Josip Juranovic, Tom Rothe und Robert Skov verzichten. Ab Sommer wird Union ein weiteres bekanntes Gesicht nicht mehr zur Verfügung stehen – und zwar dauerhaft. Torwarttrainer Michael Gspurning verlässt den Verein auf eigenen Wunsch. Seit 2017 kümmerte er sich um die Entwicklung der Keeper. Insbesondere Frederik Rönnow machte unter der Anleitung Gspurnings noch einmal einen großen Schritt nach vorne.
„Wir verlieren jemanden, der sehr wichtig für die Mannschaft und auch sehr wichtig für das Trainerteam ist. Innerhalb der Torwartgruppe genießt er nicht nur eine hohe Akzeptanz, sondern er führt diese Gruppe, weil er ein offener Mensch ist und weil er auf all seinen Stationen viel erlebt hat. Er hat für sich entschieden, dass er einen neuen Weg gehen möchte. Ich finde, das gehört im Fußball dazu, und darüber hinaus ist er mit diesem Thema von Anfang an ganz offen umgegangen“, sagte Baumgart. Offen ist aktuell noch, wer ab dem 1. Juli Gspurnings Nachfolger wird. Wohin es den 44-Jährigen zieht, ist offiziell ebenfalls noch nicht entschieden. Im Sommer ist der gebürtige Grazer erst einmal in gleicher Funktion bei der österreichischen Nationalmannschaft gefragt, wenn er die Torhüter bei der ÖFB-Auswahl bei der Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada betreut.
