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Ungarn: Orbán könnte Macht verlieren, doch seine Fans bleiben entspannt

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05.03.2026

Wenn am 12. April einige Millionen Ungarn bei der Parlamentswahl ihre Stimme abgeben, wird dies Auswirkungen auf die gesamte  Europäische Union haben. Denn Ungarn leistet seit Jahren Widerstand gegen die EU-Kommission in Brüssel und hat in den vergangenen Wochen sogar sein Veto gegen einen 90-Milliarden Euro-Kredit für die Ukraine eingelegt. Bence Bauer, der Chef des konservativen Thinktanks MCC, sagte in dieser Woche im Rahmen eines deutsch-ungarischen Dialog-Formats, das aus Budapest übertragen wurde: Die Ungarn seien glühende Europäer. Sie wollten jedoch ein Europa der Vaterländer und keine zentralistische EU.

Mit einem Kurs der Abgrenzung gegen die „Bürokraten in Brüssel“ ist die konservative Regierungspartei Fidesz bisher gut gefahren. Viktor Orbán ist der am längsten dienende Regierungschef der EU. Seit 2010 ununterbrochen an der Macht, hat Ungarn die Vorteile der EU in vollen Zügen genossen: Transferzahlungen sprudelten üppig. Zugleich konnte sich Ungarn die von der EU proklamierten „Werte“ auf die Fahnen heften und damit Investoren aus aller Welt ins Land holen. Doch die beste Zeit scheint vorüber. Zahlen, die die niederländische ING-Bank neulich vorgelegt hat, zeigen: Die ungarische Wirtschaft stagniert. Und selbst die Fidesz-Wahlkämpfer räumen, wie Bence Bauer, ein, dass „40 Prozent der Ungarn lieber einen Besenstiel an der Spitze der Regierung sehen wollen als weiterhin Viktor Orbán“. Um die Macht zu erhalten, blicken die Konservativen im Wahlkampf nach Deutschland. Konrad Adenauer habe mit dem Slogan „Keine Experimente!“ geworben, und auch heute sei die Weltpolitik so chaotisch, dass es einen erfahrenen Mann an der Spitze brauche.

Dennoch wird klar, dass die Fidesz-Leute erstmals zweifeln, ob es für Orbán noch ein weiteres Mal reichen könnte. Hinter vorgehaltener Hand wird der alte Haudegen dafür kritisiert, keinen Nachfolger aufgebaut zu haben. Zugleich herrscht die Befürchtung, dass mit Peter Magyar als Chef der oppositionellen Tisza-Partei erstmals ein ernsthafter Gegner auf der politischen Bühne erschienen ist. Orbáns größtes Problem: Die Programme von Tisza und Fidesz ähneln einander zum Verwechseln. Wenn die Fidesz-Leute Magyar wegen seiner weißen Sneaker und seines stilbewussten Äußeren als unseriös darstellen wollen, klingt auch widerwillige Anerkennung durch: Er sei ein „womanizer“ und gut auf Partys unterwegs, sagt Bence Bauer. Eine kürzlich bekannt gewordene Sex-Affäre habe gezeigt, dass Magyar ein Dandy sei. So eine Person sei nicht imstande, die Regierungsgeschäfte in so schwierigen Zeiten zu betreiben. Außerdem sei Orbán erst Anfang 60, man blicke nach Moskau, Peking oder Washington – da sei Orbán im Vergleich ein Jüngling.

Doch scheint man selbst nicht ganz daran zu glauben, dass auch diese Wahl wieder ein Selbstläufer wird. Wegen des ungarischen Mehrheitswahlrechts kann ein geringer Vorsprung bei den Wahlkreisen reichen, um den Gesamtsieg davonzutragen. Es wird erwartet, dass die ländliche Bevölkerung mit dem Adenauer-Ansatz zu gewinnen ist. In den Städten tut sich Fidesz traditionell schwer.

Um auf Nummer sicher zu gehen, präsentiert sich Orbán als globaler Robin Hood. „Laut Viktor Orbán wird Ungarn ,wegen seines Mutes und seines Vorbilds in Sachen Migration und Ukraine-Veto gejagt‘“, schreibt die Budapester Zeitung. Orbán erläuterte bei einem Wahlkampfauftritt in Sopron seine Theorie: Er sagte, dass die Feinde Ungarns vor den Wahlen ein „Wirtschaftschaos“ auslösen wollen, um seinen Herausforderer an die Macht zu hieven. Die Beschädigung der Druschba-Pipeline, die Ungarn über die Ukraine mit russischem Öl versorgt, sei eine gezielte Sabotage gewesen. Die Aktion solle „einer proukrainischen Regierung bei den Wahlen zum Machtantritt zu verhelfen“. Die Ölblockade sei „ein Komplott zwischen Kiew, Brüssel und der Tisza-Partei“. Orbán sagte: „Ich möchte nicht so in die Wahlen gehen, dass sich am Horizont des Landes ein wirtschaftliches Chaos ausbreitet.“

Trotz dieser scharfen Töne sind die Fidesz-Leute: „Wenn wir verlieren, haben die anderen gewonnen, das ist die Demokratie“, sagt Bence Bauer und lächelt.


© Berliner Zeitung