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Milliardenmarkt für Cannabis-Medikamente steht vor politischer Zäsur: Branche warnt vor „Knick im Markt“

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18.03.2026

Der kanadische Cannabis-Produzent Organigram Global ist dabei, die Berliner Sanity Group für 250 Millionen Euro zu übernehmen. Die 2018 in Berlin gegründete Sanity Group ist die Nummer zwei im deutschen Markt für medizinisches Cannabis. 2025 erzielte sie einen Umsatz von rund 60 Millionen Euro.

Sanity importiert zertifiziertes Medizinal-Cannabis unter anderem von Organigram und beliefert deutsche Apotheken mit Cannabisblüten und -extrakten, stellt außerdem Cannabidiol-Produkte (CBD) für den Lifestyle-Markt her. Sanity betreibt zudem eigene Forschung, wie sie in der Pharmaindustrie üblich ist.

Cannabis per Rezept für vier Euro das Gramm

Seit 2017 ist Cannabis als Medikament wieder erlaubt. Es wird allerdings nur bei Patienten mit schweren Erkrankungen verschrieben. Seit dem 1. April 2024 fällt medizinisches Cannabis unter das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) und ist nicht mehr betäubungsmittelpflichtig. Die Verschreibung kann daher auch als E-Rezept erfolgen, das man auch über diverse Telemedizin-Plattformen erhält und dann in einer Online-Apotheke einlöst – teils für vier Euro das Gramm. Das ist halb so teuer wie der Straßenpreis.

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Die häufig laxe Rezeptvergabe mancher Telekliniken hat zu großer Kritik geführt. Eine entsprechende Gesetzesnovelle wird derzeit im Bundestag verhandelt.

Die Berliner Zeitung hat hierzu mit Sanity-Chef Finn Hänsel (44) gesprochen. Hänsel ist mehrfacher Firmengründer und CDU-Mitglied.

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Herr Hänsel, Ihre Parteifreundin, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), will das E-Rezept für Cannabis-Medikamente aushebeln. Ihr Gesetzentwurf würde einen Arztbesuch verpflichtend machen und den Online-Versand abschaffen. Das wäre ziemlich schlecht fürs Geschäft, oder?

Wichtig ist, dass die Patienten weiter versorgt werden. Die harte Linie der Union würde aber dieses Ziel gefährden. Es gibt zu wenig erfahrene Ärzte, die sich mit medizinischem Cannabis auskennen. Es geht hier beispielsweise um Schmerztherapie, Depressionen, Angst- und Schlafstörungen oder ADHS. Telekliniken, elektronisches Rezept und Online-Versandhandel sind hier eine wichtige Ergänzung zur Arztpraxis und zur stationären Apotheke – gerade in ländlichen Regionen.

Aber diverse Online-Kliniken bieten Cannabisblüten für vier Euro das Gramm an und machen bunte Werbung. Manche Website erinnert eher an Flyer für ein Berliner Koks-Taxi.

Ja, das ist unseriös und schadet der Branche. Und es sind eindeutige Verstöße gegen das Heilmittelwerbegesetz, die geahndet werden müssen. Diese Auswüchse gilt es zu unterbinden. Einige Telekliniken haben hier den Bogen überspannt und testen ihre Grenzen aus. Da müssen die Spielregeln angepasst werden. Die SPD möchte daher anders als die Union nur nachsteuern und schärfere Regeln für die Zertifizierung von Telekliniken einführen. Das erscheint vernünftiger, als einen ganzen Vertriebsweg komplett zu eliminieren.

Cannabis-Missbrauch höchstens bei 20 Prozent

Wie hoch ist denn das Missbrauchspotenzial?

Ich schätze, es liegt bei maximal 20 Prozent. Das würde sich mit zahlreichen anonymen, repräsentativen Befragungen decken, nach denen die Verbraucher zu etwa 80 Prozent aus medizinischen Gründen Cannabis zu sich nehmen.

Diese 20 Prozent würden dann aber dem medizinischen Cannabis-Markt fehlen.

Das ist verkraftbar. Viel wichtiger ist, dass die schwarzen Schafe entweder aus dem Markt verschwinden oder sich an die Regeln halten. Würde sich aber die Union mit ihrem Gesetzesentwurf durchsetzen, dann wäre diese vergleichsweise junge Medizinal-Cannabis-Branche hart getroffen. Wir rechnen dann damit, dass die Hälfte des jährlichen Branchenumsatzes von über einer Milliarde Euro wegbrechen würde – und bis zu 5000 Arbeitsplätze. Berlin und Umland, als deutsches Zentrum für Medizinal-Cannabis, würde das besonders hart treffen.

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Polizei will den illegalen Markt mit Cannabis austrocknen

Wieso investiert Organigram ausgerechnet dann 250 Millionen Euro bei Sanity, wenn die Bundesregierung den wichtigsten Umsatz-Bringer töten möchte? Hatten Sie den Kanadiern etwa verschwiegen, dass FDP und Grüne mittlerweile aus der Regierung geflogen sind?

Die Kollegen von Organigram sind sehr gut über die europäischen Märkte und die politische Situation dort informiert. So ein kurzfristiger potenzieller „Knick im Markt“ spielt für ein langfristiges Investment auch keine Rolle. Sanity ist neben Deutschland auch noch in Großbritannien, Polen, Tschechien und der Schweiz aktiv. Bald voraussichtlich auch in Frankreich. Wichtig in allen Märkten ist: Die Regulierung muss überall besser werden, um möglichen Wildwuchs einzudämmen und gleichzeitig die Patientenversorgung zu gewährleisten.

In der Experten-Anhörung des Gesundheitsausschusses im Bundestag war ausgerechnet die Gewerkschaft der Polizei einer Ihrer Fürsprecher.

Ich vermute, dass die Polizei jede sich ihr bietende Möglichkeit wahrnehmen möchte, um den illegalen Markt mit Cannabis auszutrocknen. Alexander Poitz vom GdP-Bundesvorstand spricht sich daher auch beim Thema Konsumcannabis offen für staatlich zertifizierte Verkaufsstellen und kontrollierte Einfuhr- und Logistikprozesse aus, wie sie in der Schweiz bereits seit über zwei Jahren im Rahmen von wissenschaftlichen Pilotprojekten erprobt werden. Alles besser als der illegale Markt mit seinen gefährlich verunreinigten Produkten.


© Berliner Zeitung