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Das ZDF beobachtet die Gen Z beim psychisch Kranksein

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25.02.2026

Diese Sendung werden nur die aushalten, die generationstechnisch sowieso darin vorkommen, nämlich verschreckte, sozial vereinsamte und handlungsunfähige Mitglieder der Gen Z, die über ihre psychischen Erkrankungen sprechen, als seien sie persönliche Errungenschaften, als seien ADHS oder Autismus der neueste heiße Scheiß, den man jetzt haben muss, um ein wichtiges Abgrenzungsmerkmal gegen andere aufzufahren, die einfach nur „normal“ sind. Und wer will aus der Gen Z schon normal sein?

Wahrhaft existenzielle Krisen noch nie durchgemacht

Vorneweg: Die jungen Menschen, um die es hier geht, haben wir, die sie nicht mehr verstehen, selbst kreiert. Und so sehr wir, Boomer oder nicht, eine gewisse Wehleidigkeit auch nicht mehr nachvollziehen können, wir haben sie geschaffen! Insofern soll die Harschheit, mit der hier auf Mittzwanziger geschaut wird, folgerichtig auch ihre Eltern treffen. Aber schauen wir auf Liam, Alischa und Madeline. Liam hat Borderline, Alischa ist neurodivergent und Madeline hat eine Depression, die sie so schön sächsisch ausspricht, dass an dieser Stelle niemand ernsthaft besorgt reagieren kann – es ist einfach zu unfreiwillig komisch. Alle drei Befragten können ihre Diagnose in den schillerndsten Farben darstellen, alle drei haben wahrhaft existenzielle Krisen allerdings noch nie durchgemacht.

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Keiner von ihnen war je job-, wohnungs- oder arbeitslos, sie stammen auch nicht aus dysfunktionalen Familien und schleppen keine Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen mit sich herum. Ihr sich Schlechtfühlen mit der Welt speist sich lediglich aus digitaler Überfressung, die – wir sprechen seit Jahren darüber – eine elende emotionale Leere nach sich zieht. Und um diese Leere zu füllen, wird wieder aufs Digitale zurückgegriffen: nämlich den Chatbot. Wie soll da je wieder etwas besser werden?

Keine Liebe, keine Erotik: Die Gen Z ist nur noch mit sich selbst beschäftigt

Die „37 Grad“-Reportage „KI und Therapie“ will eigentlich ein ernstes Thema verhandeln: Künstliche Intelligenz als Seelentrösterin für eine junge Generation, die zwischen Leistungsdruck, Dauerkrise und digitalem Overload navigiert. Die immer jemanden braucht, den sie um Rat fragen kann, die allerdings auch lange auf einen Therapieplatz warten muss. Das Zurückgreifen auf KI dient also auch der Überbrückung. Herausgekommen ist aber mehr das Porträt einer Generation, die ihre Diagnosen fast so selbstverständlich kuratiert wie ihren Instagram-Feed.

Natürlich: Psychische Erkrankungen sind real, schmerzhaft und alles andere als Lifestyle. Doch streift die Reportage die Frage, warum Begriffe wie „Borderline“, „Autismus“ oder „ADHS“ inzwischen mitunter wie Identitäts-Accessoires gehandelt werden, nur ganz zaghaft. Dabei bestätigen diverse Psychologen inzwischen genau das: Hat man sich vor drei Jahrzehnten noch in Grund und Boden geschämt für eine Depressionsdiagnose und sie verschwiegen, so trägt man sie heute so stolz vor sich her wie eine Prada-Mini-Bag. Gut ist beides nicht. Heute ist eine Diagnose viel weniger Stigma als vielmehr Distinktionsmerkmal – eine Art psychologischer Adelstitel im digitalen Zeitalter. Wer „nur“ traurig ist, hat offenbar den falschen Brand.

„Du, man nennt das Leben. Da passieren solche Sachen“

Und so sprechen alle drei Gen-Zler – Liam, Alischa und Madeline – wann immer sie etwas in ihren Gefühlen nicht deuten oder nicht aushalten können, ihren digitalen Therapeuten an und bitten um Hilfe: die KI als stets verfügbare Resonanzmaschine. Sie widerspricht nicht, sie relativiert nicht, sie sagt nicht: „Du, man nennt das Leben. Da passieren solche Sachen.“ Sie validiert, besänftigt, gibt recht – rund um die Uhr. Und treibt damit genau die Effekte voran, für die sie eigentlich um Hilfe gebeten wird. Ist KI also „demokratisierte Seelsorge“ oder lediglich Verstärker einer ohnehin ausgeprägten Selbstfokussierung?

„Ich verstehe, dass dich das irritiert und ärgert“: Mein erster Zoff mit ChatGPT

„37 Grad“ hätte hier viel mehr zuspitzen müssen, um einem jungen Publikum, um das es so krampfhaft buhlt, etwas Essenzielles aufzuzeigen und dessen Selbstverantwortung zu schärfen. Es hätte die Fälle jugendlichen Suizids nach KI-Therapie mit aufführen sollen. Experten hätten viel klarer benennen sollen, wo man zwischen echter Erkrankung und modischem Selbstlabel unterscheiden muss. Es hätte – ohne Rücksicht auf die leicht verletzbaren Seelen der Gen-Zler zu nehmen – herausgearbeitet werden müssen, ob jede Identitätsunsicherheit pathologisiert werden sollte. Oder ob wir es mit einer Generation zu tun haben, die zwar offen über ihre Psyche spricht, aber drauf und dran ist, sich in Diagnosen gemütlich einzurichten.

Auch Dokus können zu viel Verständnis zeigen, so wie Helikopter-Eltern, die ihre Kinder im Wattebausch groß werden lassen, um ihnen jedes Krümelchen wachstumsfördernden Schmerzes aus dem Weg zu räumen. Dieser Art Großwerdung kann nur das Scheitern in einer hochkomplexen und emotional eher erkaltenden Welt nach sich ziehen. Da hilft dann auch kein KI-Shrink mehr. Nur noch ein richtiger Therapeut oder Freund, der einem auch menschlich in die Augen schaut. Aber selbst das müsste die Gen Z erst mal aushalten können.

„37 Grad“-Reportage „KI und Therapie“ in der ZDF-Mediathek


© Berliner Zeitung