Kurze-Hose-Männer in Berlin: Diese fünf Frühlingstypen hat niemand vermisst
Im Winter stecken sowieso alle in ihren grässlichen Pufferjacken. Die wenigen Modebewussten setzen auf einen Mantel und nehmen das Frieren in Kauf. Der Rest verschwimmt in einem Einheitsbrei aus schwarzen – und wenn es mal gewagt wird, dunkelblauen oder braunen – wattierten Jacken. Ist das Michelin-Männchen-Ungetüm erst einmal übergezogen, spielt das Outfit darunter sowieso keine Rolle mehr.
Mit den steigenden Temperaturen gibt es endlich wieder die Chance, den modischen Charakter zu sehen. Diese fünf Frühlingstypen haben wir im Berliner Stadtbild entdecken können:
1. Der Kurze-Hose-Träger
Jedes Frühjahr gibt es diesen einen Mann, dessen Hosenbeine sich wie von Zauberhand verkürzen. Es wirkt fast, als wolle dieser Typ Mann sich selbst und der Welt beweisen wollen, dass wahre Männer keinen Schmerz kennen. Und wie bei einem Dominoeffekt scheinen sich sofort andere Männer herausgefordert zu fühlen: Hat man einmal einen waghalsigen Kurze-Hose-Träger gesichtet, folgt der Nächste sogleich, als sei es eine unausgesprochene Pflicht, den Frühling mit dem entsprechenden Beinkleid einzuläuten. Sie sorgen zuverlässig dafür, dass Berlin in der Übergangszeit ein frühlingshaftes Flair bekommt – ein bisschen übermütig, ein wenig komisch, aber genau deshalb liebenswert.
2. Die Pilates-Prinzessin
Sie ist vor zwei Jahren nach Berlin gezogen – ihre Nachbarschaft Prenzlauer Berg nennt sie natürlich lässig P-Berg – und sonntags ist der Pilates-Kurs im hochästhetischen Studio so verlässlich wie andernorts der Kirchgang. Die Garderobe: funktional genug für den Sport, ästhetisch genug für den anschließenden Iced Matcha mit Kokosmilch. Bevorzugt ein helles, zweiteiliges Set – Extrapunkte in Rosa.
Mit dem Frühling eröffnet sich wieder die Gelegenheit, das Ensemble auch jenseits der Kursraumwände auszuführen. Die Stretchteile sind schließlich zu bequem, um sie vorschnell gegen Denim einzutauschen – und ganz nebenbei lässt sich mit einem solchen Outfit ohnehin den Mitmenschen hervorragend demonstrieren, dass man zu den besonders Disziplinierten gehört.
3. Die Zwiebellook-Profis
Unter den Berliner Frühlingstypen sticht eine Gruppe besonders hervor: die Zwiebellook-Techies. Menschen, die den Frühling nicht dem Zufall überlassen, sondern sich ihm widmen wie auf eine kleine Expedition. Mit erstaunlicher Präzision stapeln sie Schichten übereinander – Funktionsshirt unter Pullover, leichte Jacke darüber, vielleicht noch ein Schal, der präzise um die Schultern gelegt wird.
Jedes Teil sitzt perfekt, alles ist durchdacht, als würde man sich auf einen Wanderurlaub in den Alpen vorbereiten, während man eigentlich nur einen Spaziergang durch den urbanen Raum macht. Die Schuhe sind fußgerechte, profilierte Trekkingschuhe, der automatische Regenschirm immer griffbereit, die Sonnenbrille möglicherweise selbsttönend. Dazu funkeln Apple Watch und Oura-Ring in der Frühlingssonne.
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4. Der Sonnenanbeter-Öko
Sobald die Sonne herauskommt, werden sofort die Sandalen mit orthopädischer Sohle oder auch Zehentrenner aus dem Schuhregal gekramt – als hätte man monatelang nur auf diesen Moment gewartet. Dazu ein simples Outfit aus Leinen: ein lässiges Hemd und eine farblich abgestimmte, im Idealfall sogar passende Hose aus dem Naturstoff, der zuverlässig jede noch so kleine Falte sichtbar macht. Selbst nach ausgiebigem Bügeln bleibt das Ganze eigensinnig zerknittert – aber genau das gehört ja irgendwie zum Konzept.
Denn der Sonnenanbeter-Öko hat ohnehin Wichtigeres im Kopf: das Gesicht demonstrativ in die Sonne strecken, kurz die Augen schließen und beiläufig fallen lassen, dass man jetzt endlich wieder Vitamin D tankt.
Man könnte sagen, es ist der Frühlings-Grinch: Jemand, der sich ganz bewusst dagegen wehrt, auch nur den leisesten modischen Anschein von Frühling aufkommen zu lassen. Während ringsum Pastelltöne und luftige Stoffe aus den Schränken geholt werden, bleibt hier alles konsequent auf Nullfarbe gestellt und das bekommen auch alle jene, die sich gerade in der Nähe befinden, zu hören. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt – nicht aus Versehen, sondern als Haltung, die besonders in der Berlin mit der Zeit fast zur Persönlichkeit wird.
So entzieht man sich elegant dem alljährlichen Hinterherrennen der Trendfarben, dem kollektiven Impuls, plötzlich unbedingt etwas in Buttergelb besitzen zu wollen. Stattdessen können sich Schwarz-Trägerinnen und -Träger überlegen fühlen, sich einreden, dass modische Schwankungen keineswegs Einfluss auf sie nehmen.
