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Flugchaos im Anmarsch: Kerosinpreise steigen rasant – was bedeutet das für Reisende?

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Der Iran-Krieg spitzt sich zu und bringen den Flugverkehr unter Druck. Treibstoff wird knapp, Fluggesellschaften schlagen Alarm. Drohen nun massenhafte Ausfälle?Europa importiert mehr als 40 Prozent seines Kerosins aus der Golfregion. Durch den US-israelischen Angriff auf den Iran und die Blockade der Straße von Hormus gerät diese Versorgung ins Wanken – ein anhaltender Konflikt könnte gravierende Folgen haben.

Der letzte Öltanker für Europa?

Ein Symbol für die angespannte Lage ist der Öltanker „Rong Lin Wan“, der derzeit entlang der westafrikanischen Küste unterwegs ist. Das 250 Meter lange Schiff konnte die Straße von Hormus noch passieren. Wenn es in der kommenden Woche in Rotterdam anlegt, könnte es vorerst zu den letzten mit Flugbenzin beladenen Schiffen aus dem Persischen Golf gehören, die Europa erreichen.

Gleichzeitig steigen die Preise rasant: Seit Ende Februar hat sich der Kerosinpreis mehr als verdoppelt. Eine Tonne kostete inzwischen bis zu 1800 US-Dollar. Zwar sicherten sich viele Fluggesellschaften Treibstoff langfristig zu festen Preisen, doch diese Verträge orientieren sich am Rohölpreis. Die stark gestiegenen Raffineriemargen sind darin nicht enthalten – die Mehrkosten tragen die Airlines selbst.

Die aktuelle Krise trifft zudem auf strukturelle Schwächen: Seit Jahren sinken Europas Kerosinvorräte. Gründe sind eine rückläufige Produktion, Raffinerieschließungen, strengere Umweltauflagen mit teureren Biokraftstoffen sowie Sanktionen gegen Russland, die das Angebot zusätzlich verknappt haben.

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Nach Angaben der Analyseplattform Vortexa sind die Kerosinimporte nach Europa zuletzt auf 420.000 Barrel pro Tag gesunken – rund 40 Prozent weniger als in der Vorwoche und der niedrigste Stand seit März 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022. Gleichzeitig liegen die Bestände im Ölhandelszentrum Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen (ARA) laut Insights Global unter dem Durchschnitt der vergangenen zwei Wochen.

Dennoch beschwichtigen Branchenvertreter. Michael O’Leary, Chef von Ryanair, sagte gegenüber Sky News: „Wenn der Krieg endet und die Straße von Hormus bis Mitte oder Ende April wieder geöffnet ist, besteht keine Gefahr für die Versorgung.“ Sollte der Konflikt jedoch andauern, bestehe das Risiko, dass „ein begrenzter Teil – vielleicht 10, 20 oder 25 Prozent – unserer Lieferungen zwischen Mai und Juni gefährdet sein könnte“.

Auch Olivier Jankovec, Generaldirektor von ACI Europe, dem Verband der europäischen Flughäfen, zeigt sich vorsichtig optimistisch. Laut der italienischen Zeitung Corriere della Sera melden 86 Prozent der befragten Flughäfen in einer Verbandsumfrage normale (79 Prozent) oder überdurchschnittliche (7 Prozent) Lagerbestände. „Es gibt daher keine Anzeichen für ein unmittelbares Risiko systemischer Engpässe an Flughäfen“, sagte Jankovec. Zugleich mahnte er zu mehr Transparenz bei Produktions- und Raffineriekapazitäten.

Fluggesellschaften bereiten Notfallpläne vor

Gleichzeitig bereiten sich die Airlines bereits auf eine mögliche Zuspitzung vor. „Alle Fluggesellschaften arbeiten an einem Notfallplan für den Fall, dass nicht genügend Treibstoff an den Flughäfen für alle vorhanden ist oder dieser sogar ganz ausgeht“, sagte ein nicht namentlich genannter Geschäftsführer einer Fluggesellschaft laut  Corriere della Sera. „Die Rechnung ist einfach: Man kann nicht die gleiche Anzahl an Flügen durchführen, wenn nicht die gleiche Menge Kerosin zur Verfügung steht. Sollte die Straße von Hormus im April weiterhin gesperrt bleiben, werden Hunderte von Flugzeugen am Boden bleiben und Tausende von Flügen gestrichen werden müssen.“

Auch die Lufthansa prüft laut Bericht entsprechende Maßnahmen und erwägt unter anderem, 20 bis 40 Flugzeuge vorübergehend stillzulegen. Doch die Auswirkungen sind bereits spürbar: Die britische Fluggesellschaft Skybus hat ihre Verbindungen zwischen Cornwall und London kurzfristig eingestellt. Grund seien die stark gestiegenen Treibstoffkosten. Wie die BBC berichtet, sollte die Strecke eigentlich noch bis Ende Mai bedient werden.

Geschäftsführer Jonathan Hinkles verwies auf einen „massiven Anstieg der Treibstoffkosten infolge des Kriegs im Golf“ sowie einen „deutlichen Rückgang“ der Buchungszahlen. Der letzte Flug soll am Donnerstag stattfinden, betroffene Passagiere werden vollständig erstattet. Die Entwicklung zeigt: Die Krise hat den Alltag der Luftfahrt längst erreicht.


© Berliner Zeitung