Berliner Autor Peter Schneider – für immer Mauerspringer
Im Jahr 1982 erschien „Der Mauerspringer“ von Peter Schneider, ein Roman mit essayistischen Einschüben, ein Buch, das seiner Zeit auf eine Weise auf der Spur war, wie es nur ganz selten einmal gelingt. Und der Autor dachte darin noch weiter. Denn enthalten ist ein Satz, den man ohne Zusammenhang vielleicht in einer Politikerrede aus den 90er-Jahren verorten würde: „Die Mauer im Kopf einzureißen wird länger dauern, als irgendein Abrissunternehmen für die sichtbare braucht.“
Das Ende der deutschen Teilung schien schier unmöglich, als das Buch entstand. Der Westen hatte sich eingerichtet, der Osten freute sich selbstbewusst über zunehmende Anerkennung in der Welt. Aber wer sonst ist für das Unmögliche zuständig, wenn nicht die Literatur? Peter Schneider hatte eine ganz besondere Beziehung zu Berlin, viele Jahrzehnte lebte er in der Stadt.
Berufsverbot in jungen Jahren
Er wurde nicht nur wegen des „Mauerspringers“, sondern auch wegen seiner Beziehungs- und Gesellschaftsromane „Paarungen“ und „Eduards Heimkehr“ gern auch ein Chronist West-Berlins genannt. Wenn die Inselstadt einen Orden zu vergeben gehabt hätte, wäre er ein würdiger Empfänger gewesen. Andererseits: Er legte sich gern mit den Entscheidern an. 1973 erhielt er sogar ein Berufsverbot als Lehramtsanwärter. Drei Jahre galt es.
Mauerbau und Mauerfall machte er gemeinsam mit Margarethe von Trotta zum Thema des Films „Das Versprechen“, der 1995 die Berlinale eröffnete. Mit östlicher Erfahrung betrachtet, kam der nicht ganz so gut an. Und er war selbst oft zwischen beiden Berlins unterwegs, im Kontakt mit Kollegen.
Am 3. März ist Peter Schneider im Alter von 85 Jahren gestorben. Er publizierte immer wieder Texte zu Gegenwartsfragen, trat auf Podien auf, verteidigte die europäische Idee und die Freiheit der Künste.
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Peter Schneider hinterlässt vor allem ein reiches erzählerisches Werk, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Im November vergangenen Jahres veröffentlichte er den Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“, mit dem er in die Zeit um den Mauerbau zurückging. Eine „Niemandszeit“, wie er die Periode selbst nannte, kaum beschrieben in der Literatur.
Die Dreiecksgeschichte, deren Angelpunkt die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg bildet, enthält Konflikte um Liebe und Politik, wie sie weiter zu jenen Jahren gehören sollten. Sie enthält auch das ausgeprägte Stadtgefühl eines Autors, der sich als Redenschreiber für Willy Brandt, als einer der Wortführer der 68er-Bewegung und schließlich als feinsinniger Autor in eine besondere Position begeben hatte: Peter Schneider wusste, wie die Dinge laufen. Und er hätte gern noch mehr dazu gesagt. Eine Krebserkrankung hatte ihm schwer zugesetzt, das Buch erschien einige Wochen später als beabsichtigt.
Als wir ihn kurz vor Erscheinen des Romans besuchten, sagte er, dass er sich beim Schreiben dieses Buches erst bewusst gemacht hatte, einer „beschädigten“ Generation anzugehören: „Unsere ersten Sinneseindrücke sind Bombenangriffe gewesen, Fluchten, die nicht aufhörten, man weiß nicht mehr, wo die Mutter ist oder das Geschwister, und jeder Tag ist anders, auf nichts kann man sich verlassen.“
Die größten Verbrechen der Menschheit
Seine Erinnerungen an das Kriegsende und die frühe Nachkriegszeit habe er zu einem Teil noch aufrufen können. Doch später kam die Erkenntnis: „Die Generation unserer Väter und Mütter ist für die größten Verbrechen der Menschheit verantwortlich. Gott sei Dank haben nicht alle mitgemacht, aber doch viel mehr, als wir damals wussten und wissen wollten. Und es ist für niemanden gut, wenn eine Generation zu dem Schluss kommt, dass sie den eigenen Eltern nicht trauen kann, nicht trauen darf.“
Die deutsche Teilung war ein Resultat des Krieges, der Schuld, die Deutschland auf sich geladen hatte. „Aus der Luft betrachtet, bietet die Stadt einen durchaus einheitlichen Anblick. Nichts bringt den Ortsunkundigen auf die Idee, dass er sich einer Gegend nähert, in der zwei politische Kontinente aneinanderstoßen“, heißt es am Anfang des „Mauerspringers“.
Peter Schneiders Erzähler in jenem frühen Buch kann sich ohne zu zögern einen Deutschen nennen, aber „aus Deutschland“ komme er nicht. Denn das sei entweder falsch „oder ich spreche von einem Land, das auf keiner politischen Landkarte verzeichnet ist“. Aus diesem Bewusstsein heraus hat Peter Schneider die Prozesse der Vereinigung aufmerksam begleitet. Bitter sagte er im Oktober 2025: „Die Wiedervereinigung ist schiefgegangen.“
Im Nachruf seines Verlags Kiepenheuer und Witsch wird Peter Schneider als eine „der prägenden intellektuellen Stimmen der Bundesrepublik“ gewürdigt. Wie kaum ein anderes dokumentiere sein Werk „die Brüche, Hoffnungen und Transformationen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“. Und diese Bücher bleiben ja.
