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„Bambino“ von Marco Balzano: Dieser Roman rückt nah an den Leser ran

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12.04.2026

Mit zwanzig sieht Mattia Gregori noch aus wie ein Junge, sanfte Gesichtszüge hat er, kein Barthaar wächst aus seinen Poren. Da hat er schnell seinen Spitznamen weg. „Bambino“ nennen ihn die Schwarzhemden, die italienischen Faschisten, denen er sich anschließt. Sie versprechen, ihm bei der Suche nach seiner Mutter zu helfen, und ein Motorrad bekommt er auch.

„Bambino“, Kind oder Junge, heißt das jüngste Buch von Marco Balzano, einem in Italien sehr erfolgreichen Schriftsteller. Hierzulande wurde er durch den Roman „Ich bleibe hier“ bekannt, der von Heimatverlust für die Menschen in einem Dorf an der österreichisch-italienischen Grenze erzählt. Der neue Roman spielt wieder in einem Grenzort, in der Stadt Triest, die lange zu Österreich-Ungarn gehörte, obwohl sie auch damals schon überwiegend von Italienern bewohnt war. Zu Beginn der Handlung wird sie offiziell italienisch – und mit dem Aufkommen der faschistischen Bewegung werden die Nichtitaliener drangsaliert, vor allem die Slowenen.

Das schwarze Hemd der Faschisten

Der Sturm auf das Narodni Dom, das Volkshaus der Slowenen, am 13. Juli 1920, im Roman als Höhepunkt einer Kundgebung geschildert, ist historisch verbürgt. Balzano stellt die historischen Zusammenhänge knapp im „Verzeichnis der Namen und Orte“ am Ende dar. Für Mattia ist dies seine erste Aktion gemeinsam mit seinen neuen Freunden, er „warf Steine, bis Arm und Schulter vor Anstrengung schmerzten“.

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„Bevor ich das schwarze Hemd der Faschisten anzog, bestanden meine Tage aus Nichtstun und Lethargie“, sagt Mattia, denn er ist der Erzähler in diesem Roman. Lesend erlebt man hier eine Radikalisierung mit, was besonders stark und verstörend wirkt, weil man ja immer geneigt ist, sich mit einem Ich zu identifizieren.

Marco Balzano macht das sehr geschickt, indem er seinen Antihelden zunächst so darstellt, dass man mit ihm fühlen möchte: Er schildert sein Aufwachsen mit seinem besten Freund, dessen Mutter Slowenin ist, er beschreibt, dass sein um zwölf Jahre älterer Bruder liebevoll wie ein Vater zu ihm war. Und dann informiert ihn seine Mutter auf dem Sterbebett, noch keine 50 Jahre alt, dass er einem Seitensprung seines Vaters entstammt, sie gar nicht seine wahre Mutter sei.

Besonders brutal gegenüber Kommunisten und Slowenen

Dass sie ihn dennoch liebte, hört Mattia nicht. Er führt von da an alles, was er an sich anders findet als an seinem Bruder, überhaupt an anderen Menschen, darauf zurück. Er will den Vater überreden, erpressen, zwingen, den Namen preiszugeben. Er dringt später in Herrenmanier in slowenische Dörfer ein und sucht diese Frau.

Sein persönliches Interesse verknüpft er mit der Ideologie, die ihm nun Heimat ist. Und seine besondere Brutalität Kommunisten und Slowenen gegenüber entspringt auch dem Wunsch, nicht mehr seinem Spitznamen zu entsprechen. Der Vater, der sanfte Uhrmacher, sagt zu ihm: „Die Leute haben Angst vor dir, weißt du das?“

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Der Romantitel entspricht also einerseits dem Namen, den die Faschisten ihrem Neumitglied gegeben haben; er holt ihn immer wieder ein. Der Titel steht zugleich für den frühen Knacks in Mattias Biografie, nicht mehr zu wissen, wessen Kind er ist. Marco Balzano entschuldigt die Gewalttaten damit nicht. Aber er zeigt: Auch wenn Menschengruppen oder gar -massen verführt werden von Ideen und Parolen, bestehen sie doch immer noch aus Individuen, die sich einlassen.

An der Vaterfigur als friedfertigem Gegenpol sieht man, dass jeder Mensch für sein Tun Verantwortung trägt. Mattias Geschichte reicht bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als Titos Partisanenarmee in Triest einzieht. Wer sich gerade noch auf der Siegerseite wähnte, hat verloren.

„Bambino“, diese so offensichtlich historische Geschichte, rückt nach und nach immer näher an den Leser heran, weil sie heute und für jeden gültige Fragen stellt – nach Zugehörigkeit, nach Schuld, nach der Möglichkeit einer Umkehr. Das kann Marco Balzano subtil – und sein Übersetzer Peter Klöss sorgt dafür, dass diese Irritation auch im Deutschen so stark wirkt.Marco Balzano: Bambino. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. Diogenes, Zürich 2026. 256 Seiten, 25 Euro.


© Berliner Zeitung