Präsident von Wokeistan: Der erleuchtete Christian Wulff
In seiner Verteidigung der „Wokeness“ greift CDU-Politiker Christian Wulff zu einer Rhetorik, die mit präsidialer Überparteilichkeit wenig zu tun hat, dafür umso mehr mit moralischer Selbstüberhöhung. Der Jahresempfang der Beauftragten der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt Ende Februar bot ihm die passende Bühne.
Ausgerechnet ein Bundespräsident a. D., und dann auch noch Wulff, meldete sich hier mit erhobenem Zeigefinger zu Wort. Ausgerechnet jener Wulff, dessen Präsidentschaft kaum als Glanzstück politischer Integrität in Erinnerung geblieben ist. Ein Schelm, wer sich fragt, ob sich wirklich niemand mit mehr Strahlkraft finden ließ.
Die Einseitigkeit der Wachsamkeit
Wulff, der Mann der kurzen Amtszeiten, nutzte die Bühne für ein flammendes „Wokeness“-Plädoyer, das zwar nur eine halbe Stunde dauerte, sich aber dennoch länger anfühlte als seine Tage in Schloss Bellevue. Er warnte vor Zuständen wie in den USA, wo bestimmte Bücher verboten und Projekte zu Postkolonialismus, Gender oder Feminismus nicht mehr gefördert werden.
Wulff sagte wörtlich: „Wenn darauf geschaut wird, ob in einem Förderantrag irgendein Wort auftaucht und dieser Antrag dann zurückgewiesen wird, weil er die veränderten Förderbedingungen nicht erfüllt, ist das kein Zufall, sondern System.“ Die Feststellung ist interessant, wirkt aber seltsam selektiv, zumal die Woke-Cancel-Culture Inhalte nicht minder rigoros nach eigenem Gusto aussortiert.
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Dass Wulff nun ausgerechnet die Wachsamkeit als oberstes Gebot ausruft, erinnert an Kamala Harris, die 2017 bei einer Konferenz mit der Philanthropin Laurene Powell Jobs fast manisch verkündete: „We have to stay woke. Like everybody needs to be woke. And you can talk about if you’re the wokest or woker, but just stay more woke than less woke.“ (Wir müssen wachsam bleiben. Jeder muss wachsam bleiben. Und man kann darüber reden, wer am wachsamsten oder wachsamer ist, aber man sollte einfach mehr wachsam als weniger wachsam bleiben.)
Vance und Miller als ideologische Schreckgespenster
Harris wurde dieses Zitat im Präsidentschaftswahlkampf 2024 gegen Donald Trump zum Verhängnis, da es vielen Wählern schlicht verschroben und ideologisch übersteuert erschien. Wulff hingegen scheint diese Gefahr nicht zu sehen, da er sich ohnehin für jedes politische Amt auf Lebenszeit disqualifiziert hat. Ein Grund, weshalb er heute als ehemaliger Politiker nur noch von Vortrag zu Vortrag tourt.
Den USA-Bezug stellte er sogar selbst her, als er Stephen Miller als Chef-Ideologen der Maga-Bewegung anführte. Miller habe auf die Wut weißer Männer gesetzt, die sich zurückgesetzt fühlen. Wulff charakterisierte ihn als jemanden, der eine Ideologie verkörpert, die an alte Muster anknüpft: „weiß, abgeschottet, autoritär“.
Auch JD Vance, der US-Vizepräsident, musste als Beleg für eine vermeintliche Radikalisierung herhalten. Wulff urteilte über Vance: Dieser sei im Grunde dadurch radikalisiert worden, dass er meinte, es seien „alle möglichen Themen aller möglichen Minderheiten wie Rassismus im Schulprogramm vorgekommen, aber nicht das Schicksal seines Vaters, der in der Automobilindustrie arbeitslos geworden war“.
Präsidiale Überheblichkeit
Dass ein Bundespräsident a.D. die Klagen eines Arbeiterkindes über soziale Vernachlässigung derart wegwischt, ist bemerkenswert. Gerade Wulff sollte bei Fragen von Privilegien und persönlichem Vorteil vorsichtiger formulieren. Wir erinnern uns an den Mann, der sich durch seine Kontakte günstige Hauskredite verschaffte und später versuchte, die Berichterstattung der Bild-Zeitung durch wütende Anrufe auf der Mailbox von Kai Diekmann zu verhindern. Dass er nun das Schicksal von Arbeitslosen als bloßes Vehikel für Radikalisierung abtut, zeugt von einer Distanz zur Lebensrealität vieler Menschen, die eines Staatsoberhauptes, wenn auch außer Dienst, unwürdig ist.
Stattdessen flüchtet sich Wulffs Rede in eine pseudophilosophische Dämonisierung. Er bemüht den NS-Staatsrechtler Carl Schmitt, um eine angebliche Verbindung zwischen AfD, Putin und der Maga-Bewegung herzustellen. Das Schmidt-Zitat „Zur Demokratie gehört erstens Homogenität und zweitens die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen“ wird herangezogen, um alles in einen Topf zu werfen. Daraus eine platte Schuldzuweisung an heutige Kritiker des Liberalismus zu konstruieren, zeugt von bemerkenswerter Simplizität.
Es offenbart das Kernproblem der Woke-Bewegung: Sobald Inhalte von den „Falschen“ geteilt werden, gelten sie automatisch als disqualifiziert. Eine sachliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt.
Keine Experimente mit dem Wahlvolk
Als Nächstes musste Kurt Tucholsky herhalten: „Erfahrungen vererben sich nicht, die will jeder selber machen.“ Wulff ergänzte anekdotisch, dass er dies auch bei seinen Kindern erlebe, die trotz Ermahnungen zum Helmtragen Dinge selbst ausprobieren wollten. Doch was er seinen Kindern zugesteht, verweigert er dem Wahlvolk. Bei den großen Fragen von Krieg, Frieden und dem Kampf gegen Minderheiten dürfe man es „nie wieder zulassen, dass die Leute erst wieder Erfahrungen machen, um klug zu werden“. Die Mehrheit müsse „überzeugt gehalten werden“, damit sie ja nicht falsch wählt oder falsche Erfahrungen macht. Politische Gegner werden so zu einer Gefahr erklärt und disqualifiziert.
In einem Anflug von Selbstironie sprang Wulff munter von Thema zu Thema, schließlich landete er bei Barack Obama. Dieser habe gesagt, dass achtzig Prozent aller Probleme der Welt ihren Ursprung darin haben, dass alte Männer nicht loslassen können, die an ihrer Macht kleben und Angst vor Bedeutungslosigkeit haben. Wulff fügte hinzu: „Es gibt – Barack Obama und ich sind alte Männer – auch Ausnahmen.“ Angesichts der Hartnäckigkeit, mit der Wulff einst versuchte, sein Amt trotz der Affäre zu halten, wirkt dieser Satz fast unfreiwillig komisch.
Illusion der moralischen Überlegenheit
Am Ende seiner Rede beschwor Wulff Europa als den Kontinent der Vielfalt, der sich von Amerika absetzt. „Dann können Menschen auch nach Europa kommen, die derzeit in Amerika nicht mehr leben können“, träumte er laut. Man ahnt bereits, wie sich die Flüchtlingsströme von woken US-Amerikanern auf diese Einladung hin an den EU-Grenzen sammeln. Hoffentlich scheitern sie nicht an der EU-Grenzschutzagentur Frontex.
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Wulffs Redenschreiber meinten es zu gut, denn Hannah Arendt, Aristoteles, Freya von Moltke und Stefan Zweig mussten ebenfalls noch Platz in dem Vortrag finden. Er erinnerte daran, dass Zweig sich 1942 im Exil das Leben nahm, weil er an der Welt verzweifelte. Laut Wulff müssten wir heute alle sagen, dass wir „woke“ sind, um einen ähnlichen Rückfall in den Faschismus zu verhindern.
Doch genau dieser missionarische Eifer, dieses ständige Beschwören eines exklusiven „Uns“, befeuert den Widerstand erst recht. Christian Wulff hat in seiner kurzen Amtszeit offenbar nicht begriffen, dass ein Präsident, auch ein ehemaliger, Brücken bauen muss zu Andersdenkenden, statt moralische Gräben zu vertiefen.
