James ist jung und verloren, doch dann, verspricht das Buch „Öffnet sich der Himmel“
Ist es die Geschichte einer Besessenheit oder die einer Selbstfindung? Im Romandebüt des 35-jährigen irischen Schriftstellers Seán Hewitt ist das eine vom anderen nicht zu trennen. Der Teenager James wünscht sich sehnlich aus dem kleinen Dorf Thornmere heraus, das, wie es am Anfang heißt, von der Zeit „nur ein einziges Mal aufgesucht“ worden war – nämlich zu Anfang des 19. Jahrhunderts.
Die Dringlichkeit, diese festgefahrene kleine Welt verlassen zu müssen, verstärkt sich nach James’ Coming-out massiv. „Im stillen Idyll des Dorfes war ich der Bruch … Niemand sagte etwas zu mir, doch ich spürte die Anspannung um mich herum, so als müsste ich in ihren Augen rehabilitiert werden … Aber in meinem Kopf hatte sich ein Schleier gelüftet. Dass die Dinge waren, wie sie waren, dass manche Dinge gepriesen und andere geschmäht wurden, erschien mir immer weniger als eine Tatsache des Lebens und immer mehr als eine kollektive Halluzination.“
Die Stimme sagt: „Nimm mich mit“
Innerlich hat also auch James den Bruch vollzogen. Noch aber kann er nicht weg. Noch geht er zur Schule. Noch muss er morgens um 5 aus dem Bett, um dem Milchmann beim Ausliefern zu helfen. Und nicht zuletzt ist da sein jüngerer Bruder Eddie, dessen epileptische Anfälle die Eltern in ständiger Anspannung halten.
In diese begrenzte Welt und in James’ Sehnsucht bricht die Ankunft von Luke, einem etwa gleichaltrigen Jungen, der auf einem Bauernhof in der Nachbarschaft aushilft. Für James verändert sich alles. „Es war, als wäre in mir eine Stimme erwacht, die sagte: Nimm mich mit.“
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Vor seinem Romandebüt hat Seán Hewitt schon Preise für mehrere Gedichtbände erhalten. Und nun ist es auch im Roman die – kongenial von Stephan Kleiner übersetzte – Schönheit der Sprache, die poetische Genauigkeit, die es lohnend macht, diese Geschichte einer Besessenheit zu lesen. „An jenem Nachmittag fühlte es sich an, als marschierte ich durch ein Volkslied – die Amseln und Drosseln, der liebliche Duft der Blumen, während der Junge, den ich liebte und von dem ich womöglich auch geliebt wurde, zwischen den Bäumen auf mich wartete.“
Der Maßstab für später
Denn nicht zuletzt handelt die Geschichte dieser verzehrenden Liebe auch von den Scham- und Schuldgefühlen seinen Eltern, und vor allem Eddie gegenüber, die James vergeblich zu verdrängen versucht. Auch von Einsamkeit und überwältigender Sprachlosigkeit ist diese Liebe begleitet, von einem unentwegten Lesen und Entziffern von Lukes freundschaftlichen Gesten. „Ich hasste es, dass er Zeit mit mir verbringen wollte, weil es meine Liebe zu ihm verlängerte, und er wusste nicht, wie sehr mich seine Freundschaft schmerzte … Und dennoch konnte ich an jedem einzelnen Tag in jenem Sommer nicht anders, als ja zu sagen. Ich kam der Glückseligkeit nie so nah wie in diesen gemeinsam verbrachten Stunden …“
Wie eine aus Prolog und kurzem Epilog bestehende Rahmengeschichte deutlich macht, blickt der Erzähler mit dem Abstand von zwanzig Jahren auf diese Ausnahmezeit im Leben – um festzustellen, dass sie immer noch den Maßstab abgibt, an dem er das Leben und die Liebe misst, und also bis heute vermisst.
Seán Hewitt: Öffnet sich der Himmel. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Suhrkamp, Berlin 2025. 282 Seiten, 25 Euro
