Ulrike C. Tscharre: „Mir hilft es, dass ich mit einem echten (Ost-)Berliner verheiratet bin“
Wer sich ihre Filmografie anschaut, merkt schnell: Ulrike C. Tscharre ist eine der meistbeschäftigten deutschen Schauspielerinnen. Aus der schwäbischen Provinz hat es die 53-Jährige in die Filme großer Regisseure geschafft.In Dominik Grafs „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ zum Beispiel, in dem sie 2016 zusammen mit Ronald Zehrfeld als Zielfahnder einen rumänischen Gangster verfolgte. Der Film erhielt sehr gute Kritiken und Tscharre für ihre Rolle den Deutschen Fernsehkrimipreis.
Kein Wunder also, dass der Film fortgesetzt wurde: 2019 mit „Blutiger Tango“ und 2024 mit „Polarjagd“. Der neue und vierte „Zielfahnder“-Teil „Kalte Sonne“ steht jetzt in den Startlöchern, er führt die Ermittler zu einem Menschenhändlerring auf Malta. Wir indes wenden uns lieber Berlin zu, der Wahlheimat von Ulrike C. Tscharre.
1. Frau Tscharre, Sie sind 1972 im schwäbischen Urach zur Welt gekommen. Warum hat es Sie in die Hauptstadt verschlagen?Hahaha, gleich die erste Frage lädt ein zum Schwaben-in-Berlin-Bashing. Herrlich! Zum Glück bin ich Halbösterreicherin, da muss ich mir den Schuh nur zur Hälfte anziehen. Ich wollte schon sehr früh weg aus meinem Dorf. Ich habe meine Kindheit dort geliebt, aber als Jugendliche wurde es mir sehr schnell viel zu eng in diesem Umfeld. Nach der Schauspielschule bin ich nach Köln gezogen und habe dort sehr gern gelebt. Aber eines Tages war ich zu Fuß unterwegs zu einer Verabredung in meinem Lieblingscafé, und da stand plötzlich ganz klar dieser Gedanke in meinem Kopf: „Wenn du jetzt noch länger immer dieselben Wege in dieser Stadt gehst, dann bedeutet das den totalen Stillstand. Ich ziehe weg.“Dass es wieder eine Großstadt wird, war mir klar. München war mir zu nah an meinen beiden Heimaten, Stuttgart kam sowieso nicht infrage, das kannte ich schon zu gut, in Hamburg war mir irgendwie das Wetter zu schlecht, blieb nur das im Grunde alternativlose Berlin. Und unter den deutschen Großstädten ist es für mich bis heute ohne Alternative.
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2. Das erste Mal in der Hauptstadt – was war Ihr erster Eindruck?Ich war mit 15 auf Klassenfahrt in West-Berlin. Das war 1987. Ich war zu gleichen Teilen total fasziniert und überfordert. Schon der Grenzübertritt mit meinem damals noch Kinderausweis (selbstredend auch mit entsprechendem Kinderfoto) war beängstigend. Der Grenzer meinte, auf dem Foto würde man mich ja gar nicht erkennen, da müsste man mich jetzt zurückschicken. Haben sie dann nicht gemacht. Das hab ich damals schon nicht verstanden, was es diesem Mann jetzt bringt, ein fünfzehnjähriges Mädchen in Angst und Schrecken zu versetzen. Einen Tag waren wir auch in Ost-Berlin. Ich war an diesem Tag irgendwie verloren. Hab diese Sinnlosigkeit der geteilten Stadt nicht verstanden.
3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?Meine Zeit in Berlin hat am Pichelssee in Spandau begonnen. In einem dieser Terrassenhochhäuser. Die sind ja relativ hässlich von außen. Die Wohnungen sind allerdings meistens großartig. Es war ein winziges Apartment mit Terrasse, von der aus man einen wunderschönen Blick über den See und die Havel hatte. Rund um die Uhr konnte ich die Blesshühner rufen hören. Danach zog ich an den Schlachtensee in eine Wohnung in einem verwunschenen, komplett mit Efeu bewachsenen Haus. Ich habe es geliebt, morgens als Erstes um den See zu joggen oder zu spazieren. Allerdings wurde dann nach dem Ausbau der Fischerhütte der Trubel zu groß, Samstag früh ab 8 Uhr Hupkonzerte von wütenden Autofahrern, die sich um Parkplätze stritten, das war nicht mehr schön. Dann bin ich an den Winterfeldtplatz gezogen und von dort in den Eichkamp. Ich hab mich wohnungsmäßig eigentlich immer lieber an den Rändern der Stadt aufgehalten. Ich brauche mein Zuhause als Ruhepol, meine Arbeit ist schon aufregend genug. Ich will selbst entscheiden können, wann ich richtig in die Stadt eintauche und wann nicht. Und mir ist das Privileg dieses Gedankens bewusst.
4. Heute ist es die größte Schwierigkeit für Zu- oder Umzügler, überhaupt eine Wohnung zu ergattern. Wie war das bei Ihnen?Wenn ich an all meine Wohnungssuchen in Berlin denke, und wie wählerisch ich war und vor allem auch sein konnte! Zum Teil waren meine Kriterien: Fliesen im Hausflur? Finde ich aber jetzt nicht so nett, da ziehe ich nicht hin. Oder: Was? Nur ein Balkon?!? Oder: 1200 Euro für 140 Quadratmeter Altbau in toller Lage ist aber schon echt teuer. Und so weiter. Wenn man das von heutiger Sicht aus betrachtet, ist es total absurd. Jede einzelne dieser von mir damals abgelehnten Wohnungen würde ich heute wohl mit Kusshand nehmen.
5. Auf Social Media wird ja sehr viel über Berlin geschimpft, die Stadt habe sich in den vergangenen Jahren zum Negativen verändert, verwahrlose zusehends. Wie nehmen Sie diese Debatten wahr?Debatten auf Social Media sind ja grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen. Mir sind Debatten im echten Leben mit verlässlich echten Menschen lieber. Alles verändert sich stetig. Ob wir das nun wollen oder nicht. Und früher war eben nicht alles besser. Wenn es mir in meiner Umgebung zu dreckig ist, dann muss ich halt auch mal selbst ein Stück Abfall aufheben und zum nächsten Mülleimer tragen. Ich will damit sagen, es kommt immer auch auf die Einzelnen an. Wenn ich selbst mit freundlichem Gesicht durch die Stadt laufe, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass mir eher mit Freundlichkeit begegnet wird. Und schon ist der Tag ein kleines bisschen heller.
6. Was nervt Sie persönlich am meisten an der Stadt – und was heitert Sie wieder auf?Der Verkehr. Der wird meinem Empfinden nach permanent schlimmer. Aufheitern kann mich die typische Berliner Schnauze. Nachdem ich am Anfang von dieser Ruppigkeit eher irritiert war, hab ich irgendwann verstanden, wie das gemeint ist, und schätze es seitdem sehr. Dabei hilft wahrscheinlich auch, dass ich seit ein paar Jahren mit einem echten (Ost-)Berliner verheiratet bin. Das ist ganz gutes Training.
7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?Auf der Havel.
8. Ihre persönliche No-go-Area?Hab ich nicht. Man kann überall hingehen. Die Frage ist dann nur: Fühle ich mich hier wohl oder nicht? Und das kann immer viele Gründe haben. Und die liegen wahrscheinlich meistens in mir selbst.
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9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?Im Kamala Vegan in der Boxhagener Straße. Chinesische vegane Küche. Ich ernähre mich nicht vegan, nicht mal hauptsächlich vegetarisch. Aber das Essen dort ist wirklich so unfassbar lecker, dass man Fleisch oder andere tierische Produkte nicht im Geringsten vermisst.
10. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?Ich habe vor einer Weile mit der Kostümbildnerin Regina Tiedeken zusammengearbeitet. Sie bringt einmal im Jahr eine Kollektion raus und hat einen kleinen Laden in der Almstadtstraße in Mitte. Wenn ich sie dort besuche, ist das für mein Konto jedes Mal eine gefährliche Angelegenheit. Sie hat so schöne, ausgewählte und spezielle Teile, die ganz schnell zu Lebens- und Lieblingsteilen werden.
11. Der beste Stadtteil Berlins?Der Eichkamp ist perfekt. Wohnen zwischen der Zuschauertribüne der Avus und dem Grunewald. Mit dem Fahrrad ist man in zehn Minuten am Kudamm und in 25 Minuten an der Havel. Mit der S-Bahn in 15 Minuten am Hackeschen Markt, zu Fuß in fünf Minuten im Wald. Was will man mehr?
12. Wie sieht Ihr perfektes Wochenende in Berlin aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?An einem perfekten Wochenende gibt es den ersten Kaffee des Tages immer im Bett, dazu die Tageszeitung. Meist schon gegen sieben, lange schlafen ist mir leider nicht gegeben. Es ist natürlich sommerlich warm, aber nicht zu heiß. Nach einer Runde Yoga nehme ich mein Stand-up- Paddle-Board und bin damit eine Stunde auf der Havel unterwegs. Danach spaziere ich mit meinem Hund durch den Grunewald und hoffe, keinem Wildschwein zu begegnen. Im Anschluss schlendere ich über den Winterfeldtmarkt und kaufe Käse, Obst und Gemüse. Und sehr gern Blumen. Dann ein kleiner Imbiss, am liebsten asiatisch. Am Nachmittag finde ich es ganz schön, mich treiben zu lassen. Abends koche ich für Freunde oder sie für mich oder wir gehen gemeinsam essen. Zum Abschluss gehe ich dann in die Black Wedding Bar in der Badstraße auf einen Absacker. Da es ein schöner, warmer Abend ist, sitze ich selbstverständlich draußen im Hof und überlege, welchen alkoholfreien Cocktail ich jetzt am liebsten trinken würde.
