Erwachen in Erfurt: Warum Sie im April nach Thüringen müssen
Kunst, Kultur und Kulinarik – damit kennt sich Annabelle von Oeynhausen bestens aus. In ihrer Wahlheimat Berlin, im Osten Deutschlands und im Rest der Welt fahndet sie nach den besten Adressen. Die Kunsthistorikerin und Unternehmerin organisiert mit ihrer Agentur Annabelle’s Choice exklusive Kunstreisen – und plant auch für Sie in dieser neuen Kolumne jeden Monat vor.Wenn Ihnen das noch nicht reicht, können Sie sich per Nachricht an den Instagram-Account @annabelles_choice übrigens auch für ihren Newsletter anmelden, über den die Autorin noch mehr Tipps teilt.
1. Palma im April – Der Kunstmarkt zieht nach Süden
Palma hat mich schon immer fasziniert: Selten trifft man auf eine Stadt, die so urban und zugleich so selbstverständlich am Meer verankert ist. In den vergangenen Jahren ist Mallorca noch internationaler geworden. Viele Amerikaner und Südamerikaner haben hier einen zweiten Lebensmittelpunkt gefunden, im Sommer verbinden mehrere Direktflüge Palma mit New York – und genau diese neue Nähe macht Mallorca für den Kunstmarkt zunehmend interessant.
Palma im April hat dabei dieses perfekte Timing: Die Sonne ist da, die Hitze noch nicht, die Stadt in Bewegung – und plötzlich wird die Insel für ein paar Tage zur Adresse der Kunstwelt.
Zwischen Kathedrale und Hafen entsteht eine erstaunlich dichte, internationale Szene. Der Anlass: die Rückkehr der Art Cologne nach Palma. Dass ausgerechnet die älteste Kunstmesse der Welt hier erneut einen Standort etabliert, ist kein Zufall. Der Markt folgt längst seinen Sammlerinnen und Sammlern – und die sind auf Mallorca.
Vom 9. bis 12. April bespielt die Messe den Palau de Congressos mit rund 90 Galerien aus Europa, USA, Afrika und Asien. Zwei Formate strukturieren das Geschehen: der Gran Salo für etablierte Positionen, Parkour für Entdeckungen. Diese Mischung macht Palma so reizvoll – weniger Messemarathon, mehr kuratierter Parcours.
Bemerkenswert ist die lokale Verankerung. Fast die Hälfte der spanischen Galerien kommt direkt von der Insel: Pelaires, Kewenig, Lundgren oder Xavier Fiol zeigen, wie selbstverständlich sich internationale Namen und mallorquinische Szene verzahnen. Ergänzt wird das Ganze durch Art Palma Contemporani, das die Stadt selbst zur Ausstellungsfläche erweitert – Türen stehen offen, Wege sind kurz, Übergänge fließend.
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Parallel dazu entfaltet sich das institutionelle Programm. Im Es Baluard läuft mit „Jannis Kounellis: Labyrinth without Walls“ eine Ausstellung, die wie gemacht ist für diesen Ort: rau, materiell, dem Meer und der Idee von Bewegung verpflichtet. Ein paar Minuten weiter, in der Fundació Pilar i Joan Miró, begegnet man einem anderen Rhythmus – Mirós späte Jahre auf Mallorca, seine Ateliers, der Blick ins Grüne. Zwei Pole, zwischen denen sich die Insel im April bewegt.
Und dann ist da noch das Programm jenseits der White Cubes. Interior Design etwa: Bei Dusty Deco trifft skandinavische Vintage-Ästhetik auf mediterrane Lässigkeit, während kleinere Studios und Concept Stores wie Only & Co. zeigen, wie selbstverständlich sich auf Mallorca Wohnen und Sammeln verbinden.
Mittags sitzt man draußen. In der La Rosa Vermutería, wo Wermut und kleine Teller den Takt vorgeben, oder am Hafen im Can Eduardo mit Blick auf das Wasser. Wer exzellenten Fisch und es rustikaler mag, geht ins Casa Fernando – ein Ort, der sich seit Jahrzehnten treu geblieben ist und gerade deshalb perfekt in diese Tage passt.
Palma im April ist kein Spektakel im großen Stil. Eher ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Messe, Museen und Stadt. Man bewegt sich zwischen Kunst und Mittelmeerflair, zwischen Galerien und Restaurant – und wird inspiriert.
Info: Art Cologne Palma Mallorca im Netz unter artcologne.com/palma, Galerien, Studios und Museen unter esbaluard.org, miromallorca.com, lundgrengallery.com, dustydeco.com, onlyandco.com. Restaurants unter larosavermuteria.com und restaurantecasafernando.com
2. Rita in Palma: Haute Couture, Made in Neukölln
Diese Stücke haben eigentlich nichts im Alltag verloren. Sie gehören auf Laufstege, in Vitrinen, auf die Schultern von Frauen, die wissen, wie man einen Auftritt inszeniert. Und doch klickt man sie ganz entspannt an im Online-Shop eines Berliner Labels, dessen Name charmant in die Irre führt: Rita in Palma hat mit Mallorca wenig zu tun – dafür umso mehr mit einer Manufaktur im Schillerkiez, in der aus Garn kleine Kunstwerke entstehen.
Hinter dem Namen steht Ann-Kathrin Carstensen, Diplom-Modedesignerin und treibende Kraft hinter dem Label. Was als Accessoire-Idee begann, ist heute eine klug organisierte One-Woman-Show mit einem bemerkenswerten Netzwerk. Ihre Prägung: Hamburg-Ottensen, wo sie als Kind im Park türkischen Frauen beim Häkeln zusah. Aus dieser frühen Faszination wurde ein System – und schließlich eine Zusammenarbeit.
Heute fertigen Frauen aus der Türkei, Syrien, Pakistan, dem Libanon, Kosovo und Jordanien Colliers, Krägen, Ohrringe, Halsketten und Barefoot Sandals. In Techniken, die fast verschwunden wären. Feinste Häkel- und Knüpfarbeiten, so detailreich, dass man zweimal hinschaut.
Und genau darin liegt die Stärke: Jedes Stück ist mehr als ein Ornament. Hinter jedem Knoten steht Erfahrung, Sorgfalt und ein enormes handwerkliches Gedächtnis. Was hier entsteht, ist Schmuck mit Substanz – sichtbar gemacht durch Hände, die lange übersehen wurden. Flankiert wird das Ganze vom Verein Meisterhand, der Sprachkurse, Orientierung und Unterstützung bietet. So wächst aus einem Designprojekt ein funktionierendes Gefüge, das trägt und sich weiterentwickelt.
Die Stücke funktionieren zum Dirndl ebenso wie zum Abendkleid, zur Braut genauso wie zur Großstadtuniform. Und sie haben bereits ihren Weg auf Cover gefunden – Barbara Schöneberger trug Kragen und gehäkelte Handschuhe für ihr Magazin Barbara.
Mode, die auffällt. Handwerk, das bleibt. Und ein Label, das man sich merken sollte.
Info: Rita in Palma, Kienitzer Straße 101, 12049 Berlin, Mo bis Fr 9–16 Uhr, rita-in-palma.com
3. Handgemacht: Osterhasen aus Thüringen
Ostern steht vor der Tür – und damit auch die ewige Frage: Plastik oder Kunsthandwerk? Wer sich einmal mit den Figuren von Marolin beschäftigt hat, entscheidet sich ziemlich schnell für Letzteres.
Gegründet um 1900 im Thüringer Wald, gehört Marolin zu den wenigen Manufakturen, die eine fast vergessene Technik bis heute pflegen: handgefertigte Figuren aus Papiermaché. Osterhasen, Küken, Eier – alles entsteht in Steinach in Handarbeit, von der Form bis zur Bemalung. Das Material ist dabei entscheidend: eine hauseigene Mischung aus Papierfasern, Kaolin, Ton, Kreide und pflanzlichem Leim. Ein Naturprodukt, das leicht und stabil zugleich ist – und damit nicht nur nachhaltig, sondern auch erstaunlich langlebig.
Die Geschichte des Unternehmens ist so besonders wie die Produkte selbst. Nach der Wende stand der Betrieb vor dem Aus. Gerettet wurde er durch einen Zufall: Bei Aufräumarbeiten tauchte die alte Originalrezeptur der Masse wieder auf – notiert auf einer Kellertür. Der Neustart gelang, indem man bewusst auf das traditionelle Material setzte. Mit Erfolg: Heute gehen die Figuren wieder in die ganze Welt. Und zwar längst nicht nur zu Ostern: Auch nostalgischer Weihnachtsschmuck, Tiere, Figuren – inzwischen gehören sogar Halloween-Motive zum Sortiment – werden über den eigenen Online-Shop international verkauft.
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Was Marolin von typischer Saisonware unterscheidet, ist die Qualität im Detail. Die Modelle sind romantisch, ohne kitschig zu wirken. Genau das macht sie so zeitlos und kommt nicht aus der Mode. Hier wird nicht für eine Saison produziert, sondern für Generationen.
Geführt wird das Familienunternehmen heute von Evelyn Forkel, der Enkelin des Gründers, gemeinsam mit einem kleinen Team genau da, wo alles begann. Wer also in diesem Frühjahr etwas sucht, das bleibt, statt im nächsten Jahr ersetzt zu werden, liegt hier richtig. Eine kleine Investition in Dinge, die überdauern.
Infos: Marolin Manufaktur, Räumstraße 35, 96523 Steinach. Ladenöffnungszeiten Mo bis Fr 9–16 Uhr, online unter marolin.de
4. Dem Himmel so nah in Erfurt
Wolken sind die großen Verführer der Kunstgeschichte: flüchtig, vieldeutig, immer ein Versprechen von Weite. Die Ausstellung „Dem Himmel so nah. Wolken in der Kunst“ im Angermuseum Erfurt nimmt dieses Versprechen ernst – und bleibt dabei angenehm bodenständig.
Rund 30 Positionen aus über 500 Jahren treten in Dialog, von Albrecht Dürer bis Yoko Ono. Die Wolke erscheint als religiöses Symbol, als romantische Projektionsfläche, als zeitgenössisches Zeichen zwischen Poesie und Politik. Das ist klug gedacht und sorgfältig umgesetzt.
Auch einzelne Arbeiten setzen feine Akzente – etwa Geoffrey Hendricks’ „Sky Boots II“, dessen himmelwärts gerichtete Schuhe eine leise Ironie ins Spiel bringen. Doch genau darin liegt auch der Dreh dieser Ausstellung: Sie entscheidet sich bewusst gegen den großen Effekt. Keine dramatischen Gewitter, keine überwältigende Erhabenheit – sondern ein ruhiger, fast kontemplativer Blick.
Natürlich könnte man sich mehr Risiko wünschen. Seit Caspar David Friedrich und J. M. W. Turner wissen wir, wie existenziell dieses Motiv sein kann. Auch die Gegenwart – Klimawandel, digitale Bildwelten – bietet reichlich Stoff. In Erfurt wird das alles gestreift, aber selten zugespitzt. Und doch entfaltet gerade diese Zurückhaltung ihren eigenen Reiz. Die Ausstellung zwingt nichts auf, sie lässt Raum zum Schauen, Denken, eigenen Assoziieren. Vielleicht ist das ihr eigentlicher Kunstgriff: den Himmel nicht zu erklären, sondern offen zu lassen.
Ein leiser Höhenflug also. Und manchmal ist genau das die angenehmste Art, abzuheben.
Infos: Bis zum 26. Juli im Angermuseum Erfurt, Anger 18, 99084 Erfurt. Online unter kunstmuseen.erfurt.de
5. Ein Tisch im Clara: Der Rest kann warten
Mitten in der Erfurter Altstadt, nur wenige Schritte vom Dom entfernt, liegt mit dem Restaurant Clara eine Adresse, die man sich merken sollte. Seit Oktober 2021 kocht hier Christopher Weigel, zuvor im Michelin-prämierten Kai3 auf Sylt. Was er nach Thüringen mitgebracht hat, wirkt eigenständig und unverwechselbar: ideenreich, detailversessen und mit feinem Gespür für Kontraste.
Schon der Raum setzt den Ton: gedämpfte Gold- und Naturtöne, modernes Design, klassische Eleganz. Alles wirkt stimmig, gepflegt und angenehm selbstbewusst. Die Gastgeber Gregor Bellan und Jupp Hielscher führen aufmerksam durch den Abend. Der Service berät souverän, die Küche tritt selbst an den Tisch und erklärt die Gänge – persönlich und auf den Punkt.
Weigel und sein Team inszenieren ihre Produkte mit großer Finesse. Thüringer Einflüsse treffen auf Spitzenzutaten wie Saibling, Schneekrabbe, Limousin-Lamm oder Schwarzfederhuhn. Kräuter, Blüten und Gemüse erscheinen in unterschiedlichsten Formen: als Schaum, Staub, Essenz oder Sauce. Jeder Teller erzählt eine eigene kleine Geschichte, vielschichtig und präzise ausbalanciert.
Serviert wird das „Menü Clara“ in fünf bis acht Gängen. Es entfaltet sich als Fine-Dining-Erlebnis mit ausgeprägter Lust am Detail, großer aromatischer Bandbreite und einem sicheren Gespür für Dramaturgie. Die zahlreichen Einstimmungen zu Beginn zeigen bereits die Energie der Küche und steigern die Vorfreude auf das, was folgt.
Auch die Weinbegleitung überzeugt: international gedacht, mit klarem Blick für regionale Entdeckungen, etwa ein Blanc de Noir aus Erfurt.
Wer Erfurt besucht, sollte hier einen Abend einplanen. Das Clara gehört zu jenen Orten, an denen Gegenwartsküche mit Selbstverständlichkeit auf hohem Niveau stattfindet – und dabei lange in Erinnerung bleibt.
Infos: Clara – Restaurant im Kaisersaal, Futterstraße 15/16, 99084 Erfurt, restaurant-clara.de
