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Mit DDR-Geist gegen den FC Bayern München: 1. FC Union Berlin hofft auf Wunder

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20.03.2026

Größenwahnsinnig waren die Amerikaner schon immer. Lange schon vor einem Präsidenten, der sich so gar nicht um Regeln schert, sondern alles, was ihm nicht in den Kram passt, zur Not kurz und klein schlägt. Wer es dabei nicht beim Kopfschütteln belässt, muss es mit der Angst kriegen. Vor ihren Fußballern hingegen musste noch niemand Angst haben. Bei WM-Turnieren haben sie so gut wie nie was gerissen. Mit einer Ausnahme. Diese haben sie zum Anlass genommen, es auch lange danach noch aller Welt schwarz auf weiß zu zeigen. Ein T-Shirt haben sie hergestellt mit dem Aufdruck „World Cup Soccer 1950 – The Biggest Upset In World Cup History“.

So viele Bedeutungen es für Upset auch gibt, hier ist vor allem erst einmal Sensation gemeint. Auch Schmach, Bestürzung, Verwirrung, Umsturz. Um auch ja keine Zweifel aufkommen zu lassen, was tatsächlich gemeint ist, haben sie dazu das wahrscheinlich einzige Foto, das es von jenem Tor gibt, das in dieser Partie gefallen ist, ebenso auf die Brustseite gedruckt, um es auf der Rückseite auch für diejenigen zu erklären, die so gar keine Ahnung von der WM-Historie haben:

Brazil: June 29, 1950 – U.S.A. 1 - England 0 – Joe Gaetjens (39‘).

Historischer Sieg gab den US-Boys nicht viel

Anfangs wollte niemand glauben, dass dieses Resultat der Wahrheit entspricht. Im Mutterland des Fußballs dachten die meisten, es handele sich um einen Übermittlungsfehler. Vor 76 Jahren noch durchaus möglich. Auf dem Weg über den Atlantik sei eine Eins im Meer versunken, so die Erklärung. Also vermeldeten manche Zeitungen auf der Insel ganz flockig ein 10:1. Bis sich das ganze Ausmaß der sportlichen Katastrophe für die Three Lions doch seinen Weg bahnte und es klar wurde, dass es sich tatsächlich um eine der größten Sensationen der Fußball-Historie handelt.

Geholfen allerdings hat der Sieg den US-Boys nicht viel. Weil sie die beiden anderen Spiele der Vorrunde gegen Spanien und Chile verloren, wurden sie Gruppenletzter. Aber auch für die Engländer, die ebenso gegen Spanien den Kürzeren zogen, war nach der Gruppenphase Schluss.

Natürlich hat es bei WM-Turnieren danach ähnliche Sensationen gegeben. Aus deutscher Sicht ist das 3:2 von Bern gegen Ungarn, mit dem das DFB-Team 1954 erstmals Weltmeister wurde, ebenso in Stein gemeißelt wie 1974 das 1:0 von Hamburg, als die DDR-Auswahl den WM-Gastgeber schlug. Nur kam niemand auf die Idee – die einen aus Scham und wegen vermeintlicher Majestätsbeleidigung, die anderen wegen fehlender Kapazitäten –, nach dem einzigen deutsch-deutschen A-Länderspiel ein T-Shirt herzustellen mit dem Aufdruck: Deutschland: 22. Juni, 1974 – BRD 0 - DDR 1 – Jürgen Sparwasser (77‘).

Auch der deutsche Klubfußball sorgt ab und an für dicke Überraschungen. In der Pokalhistorie stehen der Triumph von Bayer Uerdingen über Bayern München 1985 da und der von Sachsenring Zwickau über Dynamo Dresden 1975 hier für die erfolgreichsten Stürze eines haushohen Favoriten. Geht es um Meistertitel, dann ist der Coup von Chemie Leipzig in der Saison 1963/64 in der DDR so wenig übertroffen wie der des 1. FC Kaiserslautern in der Bundesliga 1997/98, als zum bislang einzigen Mal einem Aufsteiger der Durchmarsch zur Meisterschale glückte.

Der 1. FC Union Berlin kann für ein achtes Erstligajahr planen

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Auf den ersten Blick hat das mit dem 1. FC Union Berlin wenig zu tun, wenngleich auch die Köpenicker von sich behaupten dürfen, ihr Scherflein zu Sensationen beigetragen zu haben. 1968. Finale im FDGB-Pokal. Jena 1., Union 2. Sie wissen schon. Oder 1988. Finaler Spieltag der Oberliga. FC Karl-Marx-Stadt 2, Union 3. Immer wieder schön, aber lange her und fast nur noch etwas für Nostalgiker und die Stammtische. Viel zu lange her, um damit in der derzeitigen Lage Staat zu machen. Dabei wäre eine Sensation an diesem Sonnabend ab 15.30 Uhr nötiger denn je.

Der Gegner gäbe es her, denn krasser kann die Fallhöhe für das Team von Trainer Steffen Baumgart kaum sein: Bayern München. Der Ort auch: Allianz Arena – regelmäßig Austragungsort von Spielen in der Champions League. Die Bilanz nicht minder: Keines der bisherigen 13 Duelle in der Bundesliga haben die Köpenicker gewonnen, den Bayern aber wenigstens fünfmal einen Punkt abgetrotzt. Die Kräfteverhältnisse ebenso: Hier der bereits acht Spieltage vor Saisonende schier uneinholbare Rekordmeister, der seit Gründung der Bundesliga zum 34. Mal die Meisterschale so gut wie sicher hat und vor seinem insgesamt 35. Meistertitel steht, dort die zwischenzeitlich in Punkte-Turbulenzen und damit tabellarische Schieflage geratenen Köpenicker.

Wie es geht, gegen die Bayern einen Dreier zu holen, kann Baumgart seinen Schützlingen sogar verraten. Dreimal war es ihm im Trikot von Hansa Rostock gelungen. Als Jonathan Akpoborie im April 1996 noch im Olympiastadion an der Isar den einzigen Treffer erzielte, wurde der jetzige Union-Coach eingewechselt. Als Christian Brand im September 2000 gleichfalls in München für den 1:0-Sieg der Ostseestädter sorgte, wurde Baumgart nach einer Stunde ausgewechselt. Beim 3:2 im März 2001 im Ostseestadion war der Angreifer die volle Spielzeit auf dem Platz.

Schlechter besetzt als die heutige war die damalige Bayern-Startelf mit Oliver Kahn, Bixente Lizarazu, Stefan Effenberg, Mehmet Scholl und Giovane Elber auch nicht. Als krasser Außenseiter gab Hansa, im Tor mit dem Ex-Unioner Martin Pieckenhagen, dennoch eine klasse Vorstellung ab. Und obwohl in der Erfahrung zwischen den Trainern – hier Andreas Zachhuber, der zuvor Meriten lediglich im Nachwuchs und als Assistent von Frank Pagelsdorf und Ewald Lienen vorzuweisen hatte, da Ottmar Hitzfeld, der 1997 Borussia Dortmund zum Gewinn der Champions League führte und es mit den Bayern am Saisonende erneut schaffte – vermeintlich Welten lagen, klappte es doch. Für die Eisernen ist es noch ein weißer Fleck.

Ähnlich wie für Hansa einst ist es von den Voraussetzungen her für Union diesmal. Obwohl: Ähnlich ist es gegen die Bayern immer. Wenn bei denen jemand fragt, wer kein Nationalspieler ist, dann heben derzeit nur Torwart-Talent Jonas Urbig und Offensiv-Durchstarter Lennart Karl ihre Finger. Das aber wahrscheinlich nicht mehr lange, was besonders für den 18-jährigen Karl gilt. Von großen Erfolgen wie Weltmeister (Manuel Neuer 2014), Europameister (Raphael Guerreiro 2016 mit Portugal) oder Fast-Titeln wie WM-Vize (Dayot Upamecano 2022 mit Frankreich) und EM-Vize (Harry Kane 2021 mit England) können sie auch ganz gut erzählen.

Dass wiederum Kane in der Regel in einem Spieljahr ungefähr so viele Tore erzielt wie die Eisernen zusammen, gehört fast zu den ungeschriebenen Gesetzen. Noch deutlicher erklärt den Vorteil der Münchner ein Blick auf die Berufungen ihrer deutschen Nationalspieler. Manuel Neuer (124, auch wenn er im DFB-Team längst seinen Abschied verkündet hat und immer mal wieder verletzt ist), Joshua Kimmich (106), Leon Goretzka (67), Serge Gnabry (57), Jonathan Tah (43), Jamal Musiala (40) und Aleksandar Pavlović (9) bringen es zusammen auf 446 Einsätze in A-Länderspielen. Der 1. FC Union Berlin dagegen steht in der Fröttmaninger Heide gerade mal vor seinem 231. Bundesligaspiel.

Auch wenn die Köpenicker in diesem Kalenderjahr in den meisten Spielen durchhingen, von einer Sensation dürfen sie immer wieder träumen. Einige Überraschungen sind ihnen in ihrer Bundesliga-Historie durchaus schon gelungen. Die Erinnerungen an zwei 2:1-Siege im April 2022 und im April 2023 in Leipzig sind jedem Union-Anhänger gegenwärtig. Auch Dreier bei Eintracht Frankfurt, zuletzt sogar zwei in Folge, gehören in diese Kategorie. Ebenso Siege in Stuttgart und Hoffenheim, als jedoch sowohl der VfB als auch die TSG nicht über die Konstanz der jüngeren Vergangenheit verfügten. Trotzdem …

Der FC Bayern München spielt in einer eigenen Liga

Natürlich spielen die Bayern diesbezüglich noch immer in einer anderen Liga. In ihrer eigenen sozusagen. Auch sie sind nicht frei von dem einen oder anderen Stolperer. Dazu muss man nicht unbedingt der FC Arsenal sein, dem es in der Gruppenphase der Champions League gelang, den Münchnern die erste Saisonniederlage beizubringen. Der FC Augsburg schaffte es in der Bundesliga in München mit einem 2:1; Mainz stand kurz vor einem Sieg dort und kassierte das 2:2 durch einen Elfmeter von Kane erst drei Minuten vor Spielende; St. Pauli hielt ganz lange einen Punkt in Händen, bevor Luis Diaz und Nicolas Jackson mit ihren Toren in der Nachspielzeit aus einem 1:1 ein 3:1 machten.

Dass auch der 1. FC Union Berlin an guten Tagen das Zeug dazu hat, den Bayern ernsthaft Paroli zu bieten, wer würde das nach den Ergebnissen der Hinrunde (2:2 um Punkte in der Bundesliga auch mit dem Ausgleich der Münchner erst in der Nachspielzeit, 2:3 im Pokal) in Abrede stellen. Nur liegt angesichts der Resultate seit Beginn der Rückrunde ein anderer Ausgang näher. Gibt es trotzdem eine Sensation, die es schon bei einem Unentschieden wäre, muss ja nicht gleich ein T-Shirt in Auftrag gegeben werden. Von Größenwahnsinn nämlich halten sie in Köpenick herzlich wenig.


© Berliner Zeitung