Bomben als „Himmelsgeschenke“: Die irritierende Lust am Krieg
Neulich starb Robert Duvall. Seinen stärksten Satz hatte er im besten Kriegsfilm: in „Apocalypse Now“ als US-Army-Offizier, dem sein Vietnam-Einsatz ein nachgerade sinnliches Vergnügen ist. Pure Lust, unendlicher Spaß. Der Typ, fanatischer Surfer, lässt auf der Suche nach der perfekten Welle nebenbei ein Dorf abfackeln. Aus den Bordlautsprechern seiner Hubschrauberstaffel ertönt dabei Wagners Walkürenritt. Als alles brennt, schwärmt er: „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen.“
Die Figur erschien bisher zu überkandidelt, um wahr zu sein. Beim Zuschauer befeuert sie Skepsis und Vorbehalte gegenüber dem Krieg an sich. Diese Tendenz ist inzwischen unzeitgemäß. Dieser Tage herrscht Zeitenwende. Also formuliert der Journalist Hannes Stein nun für die Jüdische Allgemeine seinen wohl knackigsten Satz: „Zugegeben: Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht.“ Damit das auch ja niemand für eine ironische Hommage an Hollywood hält, ergänzt er: „Wessen Herz hüpft nicht angesichts der Bilder von tanzenden iranischen Jugendlichen, während im Hintergrund amerikanische und israelische Bomben wie Himmelsgeschenke auf die Erde fallen?“
Da zeigt jemand Mut zum großen Gefühl. Doch wie das immer so ist: Miesepeter können einem selbst die schönste Party verderben. Nörgler machen aus nicht (mehr) mithüpfenden Herzen Mördergruben. Erste Phase: Mädchenschule! So mäkeln sie. 167 tote Kinder! – Irgendwas ist immer.
Konfliktbegeisterung wächst
Mit Krieg ist es wie mit Ernährung. Irrtümer allenthalben. Eier steigern den Cholesterinspiegel. Tiefkühlgemüse hat weniger Vitamine. Sprengköpfe machen tot und traurig. Auch so ein Vorurteil. Deshalb schleicht durch manche Schlagzeilen immer noch ein negativer Unterton. „Dieser Krieg ist bitter, aber nötig“ (Zeit). „Wieder erledigen Amerika und Israel die Drecksarbeit“ (FAZ). „Mehr Drecksarbeit, weniger Gerede vom Völkerrecht“ (Spiegel). Was heißt hier „Dreck“? Doch neben sauertöpfischer Zustimmung wächst endlich auch eine Konfliktbegeisterung, die den Anforderungen der Gegenwart entspricht. „Bitter“ ist die neue Süße.
Die Rückkehr des Faustrechts: Deutschland ist der Verlierer des Iran-Kriegs
Iran-Krieg: Trumps große Show – ein Plan für danach fehlt
Der Spiegel sieht „Gründe, sich mit den Iranerinnen und Iranern zu freuen“. Schließlich freuen „die“ sich alle. Bild beobachtet, „wie die Bevölkerung bei jeder Bombe, die die Mullahs und ihre Gebäude trifft, jubelt“. Denn „die Bevölkerung“ weilt entweder in sicherer Entfernung, ist kugelfest oder halt hart im Nehmen. Die FAZ weiß über „Iraner“: „Sie sind glücklich über diesen Krieg.“ Bild zitiert eine in den USA lebende Exilantin. Ihr ist angesichts der Feuerbälle, „als würde man Flügel entfalten und fliegen“. Spaßbremse, wer da nicht mitfliegt.
Angreifende Kampfjets erzeugen rauschhafte Zustände nicht nur in 10.000 Kilometern Distanz, sondern laut einer taz-Kontaktperson auch direkt im Zielgebiet. Genauer gesagt „eins der schönsten Gefühle meines Lebens“ und „kaum noch Angst“. „Die Menschen in Teheran“ haben, so Bild, „eine ganz andere Sorge“. Nämlich, dass Verzückung und Himmelsgeschenkeinschläge zu früh aufhören. Dieser Aspekt wurde bei der Beendigung vergangener Kriege vernachlässigt. Oder fragte jemand vietnamesische Ex-Bambushüttenbewohner, ob sie nicht vielleicht auch ein Faible für Brandbomben-Aromen hatten? Waren manche Iraker vielleicht gar nicht mal so glücklich, als die Anreicherung örtlicher Böden durch Munition aus abgereichertem Uran unversehens eingestellt wurde?
„Die Menschen im Iran haben darum gebettelt, beschossen zu werden“
Dieser Tage ereignet sich nichts Geringeres als eine Weltpremiere. Noch nie gab es Luftkrieger, denen Herzen und Hirne des mehr oder weniger getroffenen zivilen Bodenpersonals so vollständig zuflogen. Eindringlich beschreibt Karoline Preisler die Dimension des Vorgangs. Die FDP-Hoffnungsträgerin (Listenplatz 8 bei der kommenden Berlin-Wahl) spricht mit bebender Stimme in eine Kamera: „Die Menschen im Iran haben darum gebettelt, beschossen zu werden.“ Ihnen muss geholfen werden. Geben ist seliger denn Nehmen. Mysteriöses Morgenland. Der Orient ist anders. „Die Menschen“ dort haben kein Problem mit Kollateralschäden. Zumindest jene, deren Stimmen man aus hiesigen Medien hört.
Eskalation im Iran-Krieg: Will Trump Irans Ölinsel Kharg besetzen lassen?
Israel trifft Irans Machtzentrum: Sicherheitsratchef und Basidsch-Kommandeur offenbar getötet
Damit auch die Heimatfront sich locker macht, mixt das Weiße Haus reale Raketentreffer mit Videospielszenen. Entertainment-Profi Trump plaudert, dass seinen Militärs das Kapern feindlicher Schiffe weniger Fun bringe als selbige mit Mann, Maus und Kawumm zu versenken. Dennoch wirkt westliches Schlachtenpublikum noch verkrampft. Etwa, als infolge explodierter Depots Teheran unter einer schwarzen Wolke verschwindet und ausgetretenes Öl die Kanalisation entflammt. Statt darauf mit Schampus anzustoßen, finden entfernte Videobetrachter solche Szenen gespenstisch. Vor Ort dagegen hüpfen Herzen im Dreivierteltakt. Die Iraner lieben den Geruch lodernder Gullys am Abend.
