20.000 Euro für die OP – sonst Einschläfern: Arztkosten bringen Berliner Hundebesitzerin in Not
Es war Liebe auf den ersten Blick: Marine Sully fand ihren Hund Fiume im Alter von nur wenigen Wochen, ausgesetzt auf einer Bergstraße in Italien. Der kalabrische Welpe sah sie und kam ihr direkt entgegen gerannt, so als hätte er nur auf sie gewartet. Ab diesem Moment stand für Marine fest: „Dieser Seele will ich ein neues Zuhause schenken.“ Also nahm sie ihn mit auf eine lange Zugreise zurück nach Berlin. „Das hat uns richtig zusammengeschweißt“, erzählt sie und lächelt.
Anfangs wirkte das Tier topfit. Die Berlinerin konnte nicht ahnen, wie krank ihr Hund wirklich war. Und plötzlich hing das Leben ihres geliebten Fiume von einer fünfstelligen Geldsumme ab, die innerhalb weniger Wochen abbezahlt werden muss. Die letzte Hoffnung ist eine Spendenkampagne. Der Grund: Tierarztkosten haben sich in den letzten Jahren verdoppelt, und ruinieren Tierhalter wie Marine Sully.
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„Der Tierarzt sagt, sein Zustand ist eine Katastrophe“
Seit seiner Ankunft in Berlin musste der junge Hund bereits einiges überstehen: Würmer, Infektionen, Augen- und Blasenentzündungen und schließlich eine Operation zur Entfernung zweier Milchzähne. All das kostete Marine bereits mehrere Tausend Euro. Doch keiner der zahlreichen Tierärzte entdeckte das eigentliche Problem.
Die Besitzerin selbst bekam irgendwann den Verdacht, dass etwas mit Fiumes Knien oder Hüften nicht stimmen könnte. Fiume bewegte sich ungewöhnlich, so als ob er sein ganzes Gewicht auf die Vorderbeine verlagern würde. Anschließende Röntgenaufnahmen machten Marine völlig fassungslos und trafen sogar den Arzt unvorbereitet. Die Diagnose: schwere beidseitige Hüftdysplasie. Beide Hüften müssen innerhalb weniger Wochen durch künstliche Gelenke ersetzt werden.. „Der Arzt sagte, sein Zustand ist eine Katastrophe. Ich habe sofort angefangen zu weinen, weil ich das nicht verstanden habe. Ich musste tagelang weinen, immer wenn er mich ansah“, erzählt sie, auch jetzt hat sie Tränen in den Augen.
Seit der Diagnose plagen Marine Sully Schuldgefühle: „Ich wollte ihm beibringen, Treppen zu steigen, bin ständig mit ihm hoch und runter gerannt. Ich hätte viel früher merken müssen, das etwas nicht stimmt“, sagt sie, während sie ihm liebevoll über den Kopf streichelt. Vor der Diagnose rannte Fiume viel, spielte mit anderen Hunden und nahm alle Hürden – während sich sein Zustand jeden Tag verschlechterte und er zunehmend unter Schmerzen litt. Doch damit nicht genug, denn als der Arzt ihr die Kosten für die Notfall-OP berechnete, fiel sie aus allen Wolken.
„Das war's, ich bin ruiniert“
„Wir haben so etwa mit 2000 bis 5000 Euro gerechnet, nachdem wir etwas recherchiert hatten. Das ist natürlich viel Geld, aber irgendwie machbar“, erinnert sie sich. Doch dann kam die bittere Realität: Die Hüftoperationen kosten etwa 7000 bis 8000 Euro pro Seite, dazu kommen jeweils rund 1000 Euro für Narkose und Röntgenkontrollen. Danach folgen Monate mit Physiotherapie, Medikamenten und Schmerztherapie. Auch Hilfsmittel und Transport kosten zusätzlich – etwa 2000 bis 5000 Euro. Insgesamt belaufen sich die geschätzten Kosten damit auf etwa 19.000 bis 23.000 Euro. Die erste Operation ist für den 20. März geplant, ab dann müssen die Geldsummen in Raten abbezahlt werden.
Für einen kurzen Augenblick verlor Marine jede Hoffnung. „Ich dachte kurz: Das war's, ich bin ruiniert. Aber dann wusste ich, dass Einschläfern jetzt noch keine für mich Option ist – ich kämpfe!“, erzählt sie selbstbewusst. Und was ist mit einer Versicherung? Die hat die gebürtige Französin tatsächlich, allerdings noch keine sechs Monate. Erst nach Ablauf dieser Zeit käme sie für die Kosten der OP auf - Fiumes Hüftdysplasie wurde aber knapp vorher diagnostiziert. Auch zwei Berliner Notfallfonds für Tierschutz können nicht helfen. Beide gaben die gleiche Antwort: Ihre Mittel sind vollständig erschöpft, und sie können derzeit keine neuen Fälle aufnehmen.
In einer Spendenkampagne sieht die Hundeliebhaberin nun die letzte Chance, Fiume zu retten. Auf der Plattform „gofundme“ hat Marine Sully bereits mehrere Tausend Euro einsammeln können. „Das ist sehr viel Geld innerhalb weniger Tage, das hauptsächlich von Fremden kommt, die Fiume noch nie gesehen haben. Dass Leute ausgerechnet für uns Mitgefühl zeigen, obwohl auf der Welt gerade so viele schlimme Dinge passieren, weiß ich sehr zu schätzen“, schwärmt die junge Frau überwältigt. Über 6000 Euro von mehr als 150 Spenderinnen und Spendern kamen bereits zusammen. Wenn alles gut geht, ist damit bereits eine der beiden Operationen finanziert.
„Ich weigere mich, aufzugeben“
Entgegen der hoffnungsvollen Nachrichten geht es Fiume immer schlechter. Zurzeit kann er nur langsam und mit großen Schmerzen laufen. Die Wahl-Berlinerin vermeidet es, mit ihm in den Park zu gehen, um anderen Hunden aus dem Weg zu gehen. Es frustriert ihn, dass er nicht mit anderen Hunden spielen kann, nicht hinterher rennen kann. „Er fängt dann immer an zu weinen, das zerbricht mir das Herz“, äußert sie mitfühlend.
Trotz allem bereut es die Mittzwanzigjährige zu keinem Zeitpunkt, den Vierbeiner aufgenommen zu haben. „Die Liebe und Zuneigung, die uns Hunde geben, ist unvergleichbar“. Gleichzeitig appelliert sie an die Verantwortung der Tierhalter: „Wir entscheiden alles für sie, wo sie pinkeln dürfen, wann sie schlafen, wo sie leben. Deshalb müssen wir ihnen auch das bestmögliche Leben bieten.“
Zahlen oder Einschläfern?
Die Geschichte von Marine und ihrem Fiume ist zwar sehr tragisch, aber längst kein Einzelfall. Tierarztkosten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, unter anderem durch die neue Gebührenordnung für Tierärzte, die seit 2022 gilt. Eine einfache Untersuchung kostet heute rund 23,62 Euro statt früher unter 10 Euro, Impfungen haben sich teilweise fast verdoppelt. Bei großen Hunden mit orthopädischen Erkrankungen, wie in diesem Fall, sind Rechnungen im vier- oder sogar fünfstelligen Bereich keine Seltenheit. Für viele Tierhalter kommt das unerwartet. Wenn ein Tier schwer erkrankt oder operiert werden muss, ist das für immer mehr Besitzer schlichtweg unbezahlbar.
Eine Tierkrankenversicherung kann helfen, doch viele Halter haben keine oder schließen sie zu spät ab – etwa wenn eine Krankheit bereits diagnostiziert wurde. Da die Mittel der Tierschutzvereine oder Notfallfonds häufig schnell ausgeschöpft sind, greifen immer mehr Menschen wie Marine Sully auf Spendenkampagnen im Internet zurück, um Operationen oder Behandlungen zu finanzieren. Fälle wie Fiumes zeigen, dass viel zu häufig der Geldbeutel über Leben und Tod eines Haustieres entscheidet.
