Nichtstun wird richtig teuer
Klimafonds-Initiative: Nichtstun wird richtig teuer
Ja, Klimaschutz kostet. Doch dieses Geld sei gut investiert, sagt Rolf Wüstenhagen, Professor für das Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. Es winke zudem eine doppelte Dividende.
Im August 2017 wurde das Bündner Dorf Bondo von einem Felssturz getroffen. Acht Menschen verloren ihr Leben. Als einer der Gründe für den Bergsturz wird der durch den Klimawandel instabilere Permafrost angegeben.
Wer sich schon länger mit Klimathemen beschäftigt, hat im aktuellen Abstimmungskampf ein Déjà-vu. Soll die Schweiz mehr in Klimaschutz investieren, wie es die Klimafonds-Initiative verlangt? Zu teuer, sagen die Gegner, und holen einen Klassiker aus der Schublade, das «Aber China»-Argument – was wir als kleine Schweiz tun, mache doch global betrachtet keinen Unterschied, so war es auch am Dienstag wieder in dieser Zeitung zu lesen . Aber stimmt das wirklich?
Bereits vor 20 Jahren hat Nicholas Stern, seinerzeit Chefökonom der Weltbank, eine vielzitierte Kosten-Nutzen-Analyse von Klimaschutzinvestitionen vorgelegt. Seine zentrale Erkenntnis: Um den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, brauche es weltweit Investitionen von 1 bis 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in klimafreundliche Lösungen in Bereichen wie Energie, Verkehr und Gebäude – ähnlich wie nun von der Klimafonds-Initiative gefordert.
Klingt nach viel Geld? Ja, aber nur solange man nicht auf die andere Seite der Medaille schaut – wie es Stern 2006 als einer der ersten Ökonomen getan hat. Denn jeder Franken, den wir heute nicht in Klimaschutz investieren, verschärft das Problem – und das wird richtig teuer. Gemäss Stern ist durch steigende Temperaturen und zunehmende Extremwetterereignisse mit Kosten von 5 bis 20 Prozent des BIP zu rechnen.
Rolf Wüstenhagen ist akademischer Direktor des Master-Zertifikats in Managing Climate Solutions (MaCS-HSG) an der Universität St. Gallen. Der Wirtschaftsingenieur vertrat die Schweiz von 2008 bis 2011 im Leitautoren-Team für den Sonderbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zur Rolle erneuerbarer Energien bei der Eindämmung des Klimawandels.
Gewiss, die Welt hat sich seit 2006 weiterentwickelt. Ist Sterns Analyse deswegen überholt? Im Gegenteil, aus heutiger Sicht fällt die Antwort noch eindeutiger aus: Klimafreundliche Technologien sind günstiger geworden, die Rechnung für Klimaschäden könnte hingegen happig ausfallen.
Zum ersten Punkt: Solar- und Windenergie kosten heute rund 80 Prozent weniger als noch vor 15 Jahren. Auch Elektroautos und Batteriespeicher gewinnen dank fallender Kosten Marktanteile. Weltweit werden deshalb, Trump hin oder her, jährlich über 2000 Milliarden Dollar in saubere Energieinfrastruktur investiert. Insbesondere China hat erkannt, dass in der Förderung dieser Technologien der Schlüssel für künftige Wettbewerbsfähigkeit liegt. Es investiert rund 10 Prozent seines BIP in nachhaltige Energie- und Mobilitätstechnologien, dies im Vergleich zu 1,7 Prozent des BIP für die Verteidigung.
Für ein Land wie China, das für Öl und Gas auf Importe angewiesen ist, ist das kein selbstloser Beitrag zum globalen Klimaschutz, sondern strategische Logik. Statt sich abhängig zu machen von ausländischen Lieferanten fossiler Brennstoffe und dann aufzurüsten, um gegen Aggressionen der gleichen Länder gewappnet zu sein, packt das Land das Problem an der Wurzel, setzt auf eine einheimische Versorgung mit erneuerbaren Energien und schafft zukunftsfähige Arbeitsplätze.
Auch die Schweiz ist stark abhängig von Energieimporten. Vor dem Krieg in der Ukraine kam rund die Hälfte unseres Erdgases und Urans für Schweizer Kernkraftwerke sowie ein Viertel unseres Öls aus Russland. Und auch heute noch beziehen wir 68 Prozent unserer Energie aus dem Ausland. Wollen wir weiterhin Geld an autoritäre Staaten überweisen und dann ein zweites Mal für unsere Verteidigung bezahlen? Oder ist es nicht sinnvoller, das Problem an der Wurzel zu packen und durch die Reduktion unserer Auslandsabhängigkeit eine doppelte Dividende zu erzielen?
Schauen wir noch auf den anderen Teil der Rechnung, die Kosten für Klimaschäden: Neuere Risikoanalysen weisen darauf hin, dass der Klimawandel nicht – wie in früheren ökonomischen Modellen oft angenommen – einem linearen Verlauf folgt, sondern dass Rückkopplungseffekte exponentielle Entwicklungen auslösen.
Fazit: Die Kosten des Nichtstuns könnten auch noch höher ausfallen als von Stern berechnet. Wer sich ausmalen möchte, warum die Eindämmung des Klimawandels auch ökonomisch hohe Priorität hat, möge dieser Tage in den Süden Europas schauen – etwa nach Portugal, wo innert weniger Wochen vier massive Stürme für landesweite Überflutungen, Milliardenschäden an der Infrastruktur und mindestens 16 Todesopfer sorgten.
Investitionen in Klimaschutz sind keine Garantie gegen künftige Extremwetterereignisse. Wenn wir jedoch auf diese Investitionen verzichten, müssen wir garantiert damit rechnen, dass sich die Krise weiter verschärft. Ein leichtfertiger Umgang mit Klimarisiken schadet unserer Wirtschaft und setzt die Zukunft unserer Kinder aufs Spiel.
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Universität St. Gallen
Klimafonds-Initiative
Markus Wältivor 5 Tagen26 EmpfehlungenWenn ich HSG lese sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Am schnellsten ruinierst du einen Betrieb mit einem HSG Absolventen oder noch schneller mit einem Dozenten 😜26 Empfehlungen
Wenn ich HSG lese sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Am schnellsten ruinierst du einen Betrieb mit einem HSG Absolventen oder noch schneller mit einem Dozenten 😜
Felix Krugvor 6 Tagen29 EmpfehlungenDiese Betrachtung ist mir ehrlich gesagt zu einfach. Ich bin sehr gerne für Klimaschutz, aber gleichzeitig sollte man ehrlich sein: Mit erneuerbaren Energien wird die Energie nicht weniger «autoritär», sondern die Materialien jener erneuerbaren Energieerzeuger kommen dann nicht aus Russland oder den USA, sondern aus China. Zudem ist festzuhalten, dass die Möglichkeiten zum Beitrag der Schweiz für den Klimaschutz als kleines Land sehr stark begrenzt sind. Böse gesagt sind unsere Millardeninvestitionen ein Tropfen auf den heissen Stein, solange der Ami weiter mit seinem Pickup-Truck rumfährt.29 Empfehlungen
Diese Betrachtung ist mir ehrlich gesagt zu einfach. Ich bin sehr gerne für Klimaschutz, aber gleichzeitig sollte man ehrlich sein: Mit erneuerbaren Energien wird die Energie nicht weniger «autoritär», sondern die Materialien jener erneuerbaren Energieerzeuger kommen dann nicht aus Russland oder den USA, sondern aus China. Zudem ist festzuhalten, dass die Möglichkeiten zum Beitrag der Schweiz für den Klimaschutz als kleines Land sehr stark begrenzt sind. Böse gesagt sind unsere Millardeninvestitionen ein Tropfen auf den heissen Stein, solange der Ami weiter mit seinem Pickup-Truck rumfährt.
