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Iran: Mit einem Enthauptungsschlag ist es nicht getan

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05.03.2026

Der Tod von Ali Chamenei markiert eine Zäsur, doch das iranische Regime bleibt durch Machtstrukturen und Nachfolger wie Mojtaba Chamenei bestehen.

Viele Iranerinnen und Iraner feiern Chameneis Tod, lehnen jedoch die Zerstörung ihres Landes durch ausländische Angriffe ab.

Internationale Reaktionen ignorieren völkerrechtliche Bedenken, während das eigentliche Machtgefüge und die Repression im Iran fortbestehen.

Chamenei wurde am ersten Tag des Angriffs in Teheran getötet.

36 Jahre an der Macht, verantwortlich für Zehntausende Tote

Mojtaba Chamenei soll laut NYT Nachfolger werden

Übergangsrat aus Präsident, Justizminister und Geistlichem führt interimistisch

Der Tod von Ali Chamenei markiert eine Zäsur, doch das iranische Regime bleibt durch Machtstrukturen und Nachfolger wie Mojtaba Chamenei bestehen.

Viele Iranerinnen und Iraner feiern Chameneis Tod, lehnen jedoch die Zerstörung ihres Landes durch ausländische Angriffe ab.

Internationale Reaktionen ignorieren völkerrechtliche Bedenken, während das eigentliche Machtgefüge und die Repression im Iran fortbestehen.

Chamenei wurde am ersten Tag des Angriffs in Teheran getötet.

36 Jahre an der Macht, verantwortlich für Zehntausende Tote

Mojtaba Chamenei soll laut NYT Nachfolger werden

Übergangsrat aus Präsident, Justizminister und Geistlichem führt interimistisch

In der persischen Mythologie gibt es einen Bösewicht, den alle Menschen im Iran kennen: Zahhak. Eine Figur aus dem Nationalepos „Shahnameh“, dem Buch der Könige des Dichters Firdosi. Zahhak symbolisiert den Prototyp des Tyrannen. Er verfällt dem Bösen, das ihn in Gestalt seines devoten Kochs auf die Schultern küsst, wo ihm zwei Schlangen entwachsen, vor denen sich Zahhak nur schützen kann, wenn er sie von nun an mit den Gehirnen junger Männer füttert.

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Im Laufe der Zeit wurde die Geschichte rund um den „Schlangenkönig“ mehr als eine Legende. Es ist unschwer zu erkennen, wen die Iraner:innen heute als Zahhak ihrer Zeit empfunden haben: den obersten Revolutionsführer Ali Chamenei, einen machthungrigen Tyrannen, der die Jugend seines Landes über drei Jahrzehnte lang für seine eigenen Ziele geopfert hat.

Jetzt ist er tot. Gleich am ersten Tag des israelisch-amerikanischen Angriffs getötet, in seinem Bürokomplex mitten in Teheran im Kreise des engsten Machtzirkels und seiner Familie. Ungläubig reagierten viele Iraner:innen – im In- wie im Ausland – auf die Nachricht. Ist Zahhak wirklich tot? Oder war es nur ein Doppelgänger? 36 Jahre lang war er an der Macht, hat Anschläge, Kriege und Proteste überlebt, und jetzt soll er weg sein? Erst als um fünf Uhr morgens am nächsten Tag in Teheran ein sichtlich um Tränen bemühter Fernsehmoderator im Staatsfernsehen seinen Tod bekannt gab, konnten es auch die Letzten glauben: Chamenei ist tatsächlich tot.

Die Freude über diese Nachricht konnte man auf den Straßen Irans sehen. Die Tänze, Jubelrufe und Hupkonzerte. Und die Danksagungen an Israel und die USA, dass sie die iranische Bevölkerung von dem Mann erlöst haben, der für den Tod Zehntausender, für systematische Folter, Vergewaltigungen und Vertreibung verantwortlich war. Lieber hätte man ihn vor Gericht gesehen, wo er seinen Opfern und deren Angehörigen in die Augen hätte sehen müssen und wo er für seine Taten zur Rechenschaft hätte gezogen werden müssen, anstatt den von ihm selbst so ersehnten „Märtyrertod“ im Widerstand gegen die zwei „Erzfeinde“ erfahren zu dürfen.

Keine Ein-Mann-Diktatur

Chameneis Tod ist eine Zäsur in der iranischen Geschichte. Zwar ist der Regimesturz – entgegen der Vorstellung vieler – nicht mit der Enthauptung einer Figur im Iran getan, da das Projekt der Islamischen Republik nicht ausschließlich von einer Person abhängt. Es gibt unterschiedliche Machtblöcke und Befehlsketten, die beim Tod Chameneis, dessen Ableben schon lange antizipiert wurde, greifen.

Dennoch könnten sich jetzt politische Spielräume öffnen und neue Kräfte an die Macht kommen, die einen weniger konfrontativen Kurs mit der eigenen Bevölkerung und der Welt anvisieren. Derzeit sieht es nicht danach aus. Die verbliebene Führung hat, wie angekündigt, bereits Vergeltungsschläge in Israel, aber auch in den Golfstaaten ausgeführt, womit sie das Land noch mehr isoliert. Waren es doch die (meisten) Golfstaaten, die die USA in den vergangenen Wochen von einem Angriffskrieg zurückgepfiffen haben, wohl wissend, dass es ihre Länder und Bevölkerungen sind, die in einem Krieg in Mitleidenschaft gezogen würden. Doch die iranische Führung hat ein anderes Kalkül. Offenbar hegt man hier die Hoffnung, dass Amerikas Verbündete unter höchstem Druck US-Präsident Donald Trump früher oder später zur Aufgabe zwingen, weil sie selbst zu viel zu verlieren haben: ihr Geschäftsmodell als Hort der Stabilität im Nahen Osten ist in Gefahr.

Irans Angriffe beeindruckten Trump bislang wenig. Er hat eine härtere Gangart angekündigt. Von mehreren Wochen und vielleicht sogar darüber hinaus hat er den Zeitraum des Krieges kryptisch angegeben. Selbst US-Bodentruppen vor Ort hat er nicht ausgeschlossen. Doch was ist das Ziel des Landes mit 90 Millionen Einwohner:innen, die in einem Mehrfrontenkrieg sowohl nach außen wie innen gefangen sind? Wie häufig und wie lange soll bombardiert werden, um am Ende mit wem zu verhandeln?

Sohn Mojtaba Khameini als Nachfolger

Derzeit übernimmt ein dreiköpfiger Führungsübergangsrat, bestehend aus Präsident, Justizminister und einem Geistlichen aus dem Wächterrat, interimistisch die Aufgaben des Obersten Revolutionsführers, wenn auch mit begrenzten Befugnissen, bis ein Expertenrat aus 88 Mitglieder die Nachfolge von Chameneis bestimmt hat. Laut mehreren Quellen, unter anderem der New York Times, soll das bereits passiert sein: Mojtaba Chameneis , der älteste Sohn des getöteten Revolutionsführers, soll seine Nachfolge übernehmen. Ein Hardliner wie sein Vater, tief verankert im Repressionsapparat der Revolutionsgarden, ohne nennenswerte schiitisch-geistliche Titel, die ihn laut Verfassung der Islamischen Republik für das Amt vorsehen würden. Israels Verteidigungsminister hat bereits angekündigt, sich seiner auch bald entledigen zu wollen.

Krisenmanager Larijani

Im aktuellen Tagesgeschäft ist aber besonders ein Mann präsent: Ali Larijani, der Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrates. Als Kind der Revolution aus einer der einflussreichsten Familien Irans durchlief er in den vergangenen vier Jahrzehnten so gut wie alle wichtigen politischen Schlüsselfunktionen: Revolutionswächter, Leiter des staatlichen Rundfunks, Atomunterhändler und Parlamentspräsident.

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Als derzeitiger Krisenmanager des Establishments hat er gute Kontakte sowohl zum Klerus als auch zu den Revolutionsgarden – und gilt als wichtige Figur für die Zukunft des Landes, sofern er nicht in die israelisch-amerikanische Schusslinie gerät. Für all jene, die nach Freiheit und Veränderung im Land streben, ist einer wie er als Gestalter keine Alternative, zumal er laut New York Times und Iran Wire als Mastermind in der Niederschlagung der Proteste im Jänner gilt und das Massaker an der eigenen Bevölkerung mitzuverantworten hat.

Keine völkerrechtlichen Belehrungen

All das ist längst aus der internationalen Wahrnehmung verschwunden. Die Schlagzeilen werden derzeit dominiert von Angriffen, Gegenangriffen, dem steigenden Öl-Preis und den unzähligen Tourist:innen, die gerade in den Golfstaaten gestrandet sind und befürchten, ihre Flüge nicht rückerstattet zu bekommen. Getötete Zivilist:innen kommen kaum vor, höchstens Bilder von Rauchschwaden in Teheran, die das Narrativ verstärken, das Kriege kontrolliert und gezielt sind und immer nur die „Bösen“ in ihren Bürokomplexen und Militärbasen zur Strecke bringen.

Unter dieser Prämisse lässt sich auch für viele westliche Staaten verkraften, dass es sich hierbei um einen völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran gehandelt hat, der auch für europäische Politiker:innen kein Problem darstellt. Der Niederländer und NATO-Generalsekretär Mark Rutte ließ wissen, dass die NATO alles, was möglich sei, tun werde, damit die USA und Israel das tun können, was sie tun, ohne sich an der „Militäroperation“ zu beteiligen. Auch Frankreich, Deutschland und Großbritannien haben den USA Unterstützung zugesichert und wollen ihre Verbündeten und Partner jetzt nicht in „völkerrechtlichen Einordnungen“ belehren, wie es der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz in einer Pressekonferenz klarstellte.

Das Schlangenreich ist noch intakt

Und was wünschen sich die Iraner:innen? Haben sie nicht nach Hilfe und ausländischer Intervention verlangt? Haben sie. Und feiern sie nicht den Tod Chameneis und der getöteten Revolutionsgarden? Tun sie, viele zumindest. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich wünschen, dass ihre Heimat zu Schutt und Asche gebombt wird. Diese Gleichzeitigkeit an unterschiedlichen Perspektiven und Sehnsüchten zu benennen und zu verstehen, ist essenziell in dieser Situation. Es gilt zu begreifen, dass die Iraner:innen sowohl dem Regime als auch den ausländischen Bomben – von denen sie wissen, dass sie nicht in ihrem Interesse fallen, sondern im Interesse jener, die sie werfen – schutzlos ausgeliefert sind.

Der Schlangenkönig mag besiegt sein. Aber sein Reich ist noch intakt. Und um das zum Einsturz zu bringen, braucht es eine Bevölkerung, die ihr Schicksal selbstbestimmt in die Hand nehmen kann und nicht bereits im Bombenhagel zum Kollateralschaden wird – dem Bombenhagel, der es noch nicht einmal wert zu sein scheint, benannt zu werden.

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Seit dem 28. Februar 2026 greifen Israel und die USA den Iran an. Hunderte Ziele im Iran wurden angegriffen; dazu zählen militärische Infrastruktur wie Raketenabschussrampen, Anlagen des Atomprogramms, Hauptquartiere der Militärführung sowie Vertreter der politischen Führung. Unter anderem wurde der 86-jährige Revolutionsführer Ali Chameneis getötet, der als zweiter Revolutionsführer nach Ayatollah Ruhollah Khomeini seit 1989 die oberste Autorität des Landes war. Außerdem sollen nach Angaben des Roten Halbmonds insgesamt mindestens 787 Menschen ums Leben gekommen sein. Mehr als 100.000 Rettungskräfte seien im Einsatz, hieß es in einer Mitteilung der humanitären Organisation im Iran.

Der Iran reagiert mit Gegenangriffen auf Israel und auf US-Militärstützpunkte in den Golfstaaten, die bis zuletzt versucht haben, sich aus dem Konflikt herauszuhalten, und gar im Vorfeld verkündeten, dass die USA ihren Luftraum für einen Angriff nicht nutzen dürfen. Außerdem hat die iranische Führung die Sperre der Meerenge von Hormus bekanntgegeben. Durch sie verläuft etwa ein Fünftel des weltweiten Erdöltransits, wodurch der Ölpreis in die Höhe geschossen ist.

Die Informationslage ist im Iran sehr schwierig, da das Internet wieder abgedreht wurde, wodurch die Kommunikation für Angehörige im In- und Ausland nicht gewährleistet werden kann. Viele Iraner:innen flüchten aus den Ballungsräumen in den Norden des Landes.

ORF: Liveticker zur aktuellen Lage

New York Times: Ayatollah Ali Khamenei’s Son Emerges as Leading Choice to Be His Successor

Spiegel: Dieser Mann soll retten, was vom Regime in Teheran übrig ist

Iran Wire: New York Times Confirms IranWire’s Report on Larijani’s Expanding Power and New Responsibilities

New York Times: Nachruf Ali Khaemeini

hengaw.net: Aktuelle Menschenrechtslage im Iran


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