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Nur die Harten kommen in den Garten

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12.03.2026

Kirschblüten sprengen im Frühling ihre Knospen durch Wachstumshormone und Zellendruck nach einer winterlichen Ruhephase.

Tulpen und Schneeglöckchen nutzen gespeicherte Energie, Frostschutzmittel und bohrerförmige Blätter, um gefrorene Erde zu durchdringen.

Petra Tempfer berichtet regelmäßig über Naturphänomene und kündigt weitere Themen wie Blattlausvermehrung ohne Männchen an.

Kirschbäume legen Blütenknospen bereits im Sommer an.

Zwiebel von Tulpen speichern Stärke und Zucker als Energiequelle für den Frühling.

Traubenzucker und Glycerin (Zuckeralkohol) zählen zu den Frostschutzmitteln in Pflanzenzellen.

Kirschblüten sprengen im Frühling ihre Knospen durch Wachstumshormone und Zellendruck nach einer winterlichen Ruhephase.

Tulpen und Schneeglöckchen nutzen gespeicherte Energie, Frostschutzmittel und bohrerförmige Blätter, um gefrorene Erde zu durchdringen.

Petra Tempfer berichtet regelmäßig über Naturphänomene und kündigt weitere Themen wie Blattlausvermehrung ohne Männchen an.

Kirschbäume legen Blütenknospen bereits im Sommer an.

Zwiebel von Tulpen speichern Stärke und Zucker als Energiequelle für den Frühling.

Traubenzucker und Glycerin (Zuckeralkohol) zählen zu den Frostschutzmitteln in Pflanzenzellen.

Ein Foto vom Fuji, dem höchsten Berg Japans, schneebedeckt in der Ferne. Eines vom beleuchteten Tokyo Tower bei Nacht, eines von einem Straßenstand voller Sushi – und auf jedem Foto blitzen irgendwo die zartrosa bis pinken Farbtupfer der Kirschblüten hervor: Diese Bilder hat mir eine Freundin vergangene Woche aus Tokyo geschickt und auf Instagram gepostet.

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Und ja: Mit den Sehenswürdigkeiten kann ich auf meinem Profil natürlich nicht mithalten, während ich in Niederösterreich sitze. Mit den Kirschblüten aber sehr wohl! Denn wenn auch etwas später als in Japan, werden sie in den kommenden Wochen im Garten meiner Nachbar:innen und an Straßenrändern nach und nach aufblühen. Nach dem kalten Winter wird auch Österreich zum Land der Kirschblüten.

Aber wie schaffen es diese zarten Blüten eigentlich, jedes Jahr aufs Neue die harten Knospen zu sprengen? Und wie haben sich auf dem Boden vor meiner Haustüre die Tulpen und Schneeglöckchen durch die zum Teil eisige Erde gekämpft? So viel gleich einmal vorweg: Es stecken Frostschutzmittel, Wachstumshormone und Blattspitzen geformt wie Bohrer dahinter. Aber nicht nur.

Dass der Kirschbaum im Frühling blüht, braucht einiges an Vorbereitungszeit. Schon im Sommer davor – kurz nachdem wir die letzten Kirschen gepflückt haben – legt er an seinen jungen Trieben die Blütenknospen an. Diese gehen gleich einmal in die Ruhepause, um über den Winter zu kommen. Sobald es aber wärmer wird und länger hell bleibt, geben Wachstumshormone den Startschuss: Sie aktivieren den Stoffwechsel, und die in der Knospe schlummernden, kleinen Blüten beginnen, stark zu wachsen. Die einzelnen Zellen dieser Blüten können um das Fünfzigfache anschwellen, indem sie Wasser aus dem Baum saugen. Die harten, äußeren Knospenschuppen, die wie ein Kokon um die Blüten liegen, halten dem nicht lange stand: Der Druck steigt, und sie platzen auf.

Den Tulpen und Schneeglöckchen stehen währenddessen ganz andere Hürden im Weg: Gefrorene Erde, zum Teil hart wie Beton. Sie beide haben allerdings dieselbe Geheimwaffe, und zwar ihre Zwiebel. Über den Winter hat diese Stärke und Zucker gespeichert, die sie mit Beginn des Frühlings verbrennt und somit Energie freisetzt – Energie, die Wärme erzeugt, wodurch der gefrorene Boden rund um die Zwiebel herum schmilzt. Um nicht schon davor aufgrund der Kälte längst erfroren zu sein, lagern die Zellen der Tulpen und Schneeglöckchen zudem Frostschutzmittel ein, die verhindern, dass Eiskristalle sie zerstören. Traubenzucker, Zuckeralkohol (Glycerin) und Kalium zählen dazu – Letztere werden auch in biologischen Frostschutzmitteln in den Baumärkten verkauft.

Ein Blatt wie ein Bohrer

Doch damit nicht genug. Denn was helfen intakte Zellen und eine nicht mehr ganz so harte Erde zwischen Zwiebel und Sonne, wenn die jungen Triebe, die aus der Zwiebel sprießen, zu klein und zu weich sind? Die Frühlingspflanzen haben auch hier ein spezielles Werkzeug, das ihnen beim Durchstoßen des Bodens hilft. Oder vielleicht sollte ich besser Durchbohren sagen: Das erste Blatt, das den Weg für die nachfolgenden bahnt, ist an der Spitze hart und hat die Form eines kleinen Bohrers. Und auch die weiteren jungen Blätter knicken nicht so leicht ab, weil sie fest zusammengerollt einen stabilen, spitzen Schaft bilden, der hohen Druck aushält.

Die Methoden der weiteren Frühlingsblumen wie Narzissen, Krokusse oder Primeln sind ähnlich. Die Blüten der Obstbäume schaffen es ebenfalls wie die Kirschblüten nach draußen. Mein Selfie mit ihnen bekomme ich jedenfalls fix – auch ohne Fuji, Tokyo Tower und Japan.

Petra Tempfer nimmt euch alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Wenn sie nächstes Mal mit der Kirschblüte ihr Selfie macht, könnte auf demselben Baum gerade die ein oder andere Blattlaus aus dem Ei geschlüpft sein – und zwar ausschließlich Weibchen, denn: Blattläuse brauchen im Frühling gar kein Männchen, um sich explosionsartig zu vermehren. Du willst wissen, wie das möglich ist und welche Besonderheiten die Natur noch so parat hat? Wir sagen nur: Hautatmung und Geschlechtsumkehr. Mehr dazu in zwei Wochen.

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Das Öffnen der Knospen „steuert“ der Baum über Ionenkonzentrationen und Wasserdruck. Diese Steuerung hängt unter anderem von der Tagesmitteltemperatur und der Luftfeuchte ab. Einmal geöffnet, können die Knospen durch Senken des Wasserdrucks oder Ändern von Ionenkonzentrationen nicht mehr geschlossen werden. Daher ist es wichtig, dass sie sich nicht zu früh öffnen. (Natur Kunde Museum Karlsruhe)

Als „Osmose“ bezeichnet man in der Medizin und der Chemie die einseitige Wanderung von Flüssigkeitsmolekülen durch eine halbdurchlässige Membran, die Lösungen mit unterschiedlichen Konzentrationen eines Stoffes trennt. Dabei wandert die Flüssigkeit entlang des Konzentrationsgefälles zum Ort der höheren Konzentration des gelösten Stoffes, bis die Konzentrationsunterschiede ausgeglichen sind. Osmose ist für viele Abläufe in der Natur von großer Bedeutung, vor allem für die Regulation des Wasserhaushaltes von Zellen. (gesundheit.gv.at)

Cytokinine sind eine Gruppe von Pflanzenhormonen, die eine zentrale Rolle in zahlreichen Wachstums- und Entwicklungsprozessen der Pflanzen spielen. Cytokinine fördern die Zellteilung (Mitose) in den Meristemen (Wachstumszonen) der Pflanzen, was zum Wachstum der Pflanze beiträgt. Sie wirken oft in Kombination mit Auxinen, anderen wichtigen Pflanzenhormonen, um die Balance zwischen Wurzel- und Sprosswachstum zu steuern. (Pflanzenforschung.de)

Die Frühblüher produzieren ihre eigenen Frostschutzmittel: Die Bildung von Glycerin (Zuckeralkohol) oder auch Traubenzucker hilft den Pflanzen, sich vor Frost zu schützen. (Chemie-Azubis.de)

Kirschblütenfest Japan Hanami (Japanische Kirschblüte)

Sechs Entwicklungsstadien der Kirschblüte von der Knospe zur Blüte (Infografik)

Knospenkunde: Unsere Gehölze im Winter

Die ersten Frühlingsboten

Eine Übersicht über die häufigsten Frühblüher

Modernster Sonnenschutz dank fossiler Kiefernzapfen

Das Thema in anderen Medien

noe.orf.at: Natur erwacht im Nationalpark Donauauen

Pflanzenforschung.de: Bei harten Böden: Helix bilden und durch!

Scinexx.de: Woher wissen die Pflanzen wann es Frühling wird?

Spectrum.de: Wann die Kirschen blühen


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