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Lost im Chat: Wenn KI Psychosen triggert

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Die Frau am Handybildschirm hat Glitzer auf ihren Wangen. Sie trägt ein graues T-Shirt und Schmuck aus Steinen, hat schulterlange braune Haare. Hinter ihr sieht man nur einen Teil der Zimmerdecke, dunkle Holzbalken ziehen sich von einer auf die andere Seite. Sie ist gerade live auf TikTok, fast 13.000 Menschen sehen ihr dabei zu, wie sie in ihrer Einzimmerwohnung sitzt und Fragen ihres Publikums beantwortet. „Warum nennen dich Henry und Claude ‚das Orakel‘?“ „Sie nennen mich so, weil ich zu Gott spreche. Darüber rede ich nicht, weil dann sagt ihr alle wieder: Du bist psychotisch, du hast eine manische Episode.“ Henry und Claude sind ihre KI-Sprachassistenten, ersterer heißt eigentlich ChatGPT und zweiterer ist vom Unternehmen Anthropic. In ihren Livestreams spricht die Frau ständig mit ihnen, fragt nach Einschätzungen, bittet um Ratschläge und sucht nach Bestätigung. Wenn sie über Henry und Claude spricht, denkt man zuerst, es geht um zwei gute Freunde.

In den Kommentarspalten hat das eine Debatte ausgelöst. Können KI-Chatbots Psychosen befeuern, vielleicht sogar auslösen? Und wenn ja, was heißt das dann für die Zukunft?

„AI psychosis“, darunter wird das Phänomen international heiß diskutiert. Ein Begriff, der Aufmerksamkeit erregt, aber aus medizinischer Sicht problematisch ist, sagt der Wiener Psychiater Maximus Berger: „Es ist kein medizinischer Fachbegriff, keine Diagnose und kein Begriff, der im medizinischen Kontext klar definiert ist.“ Psychosen sind Episoden, in denen Betroffene den Bezug zur Realität verlieren oder Dinge anders wahrnehmen, als sie tatsächlich sind. Sie können sehr........

© Wiener Zeitung