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Vier Jahre Taliban: Wie ist der Alltag in Afghanistan?

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15.08.2025

Sobald Omar* von seinem Alltag erzählt, verändert sich seine Tonlage. „Die Repressalien der Taliban haben von Jahr zu Jahr zugenommen. Auch Männer werden nicht in Ruhe gelassen. Mittlerweile werden selbst Friseure von den Taliban-Sittenwächtern streng kontrolliert. Wer die Seiten zu kurz macht, bekommt Probleme. Wer Bärte kürzt, ebenso. Männer sollen längere Bärte tragen, Gebetskäppchen, manchmal, weiter weg von Kabul, sogar Turban. Wer dagegen verstößt, bekommt ebenfalls Probleme. Das ist eine neue Realität“, erzählt er.

Rückblick: Im Februar 2020 unterzeichneten die Taliban ein politisches Abkommen mit der US-Regierung im Golfemirat Katar. Es war die erste Amtszeit Donald Trumps und dieser wollte unter allen Umständen den längsten Krieg der US-Geschichte beenden. Dies geschah auf Kosten der afghanischen Bevölkerung. Die Amerikaner durften abziehen und die Taliban wurden auf das Siegerpodest gehoben. Die Extremisten, die der Welt vorgaukelten, sich im Wesentlichen verändert zu haben, übernahmen während des Abzugs ganz Afghanistan, während das pro-westliche Regime in Kabul zusammenfiel. Viele Menschen versuchten damals, das Land zu verlassen. Viele Afghan:innen wurden evakuiert, doch umso mehr wurden zurückgelassen. Der US-Krieg am Hindukusch war vorbei, doch er endete im Chaos. Es gab keine Exit-Strategie und keinen Plan für die Zukunft von rund vierzig Millionen Menschen.

Omar, der eigentlich anders heißt, ist 28 Jahre alt und stammt aus Kabul. Früher trug er gerne alles: Mal Jeans und Hemd, mal die traditionelle afghanische Kleidung, die vor allem in der Hitze des Sommers angenehmer ist. Doch mit Ersterem ist schon seit längerem Schluss: Bereits vor rund drei Jahren hieß es an Omars Universität in Kabul, dass westliche Kleidung nicht mehr erwünscht sei. Verantwortlich hierfür waren die Sittenwächter der Taliban. Die Extremisten verkündeten auch, dass manche Kleidungsstücke, etwa eine Krawatte, besonders verpönt und deshalb verboten seien. Der Grund: Sie hätten einen nicht-muslimischen Ursprung.

Omar und seine Freunde wollten sich das nicht gefallen lassen. Sie zettelten eine kleine Revolte an und ignorierten die von den Sittenwächtern geforderte Kleiderordnung. „Wir trimmten weiterhin unsere Bärte und zogen aus Trotz Jeans an“, erinnert sich Omar. Doch dann wurden aus den Mahnungen und Zurechtweisungen der neuen Machthaber Drohungen. „Nenn mir deinen Namen und den deines Vaters! Du willst wohl nicht gehorchen“, hieß es seitens der Taliban, nachdem sie einige Monate später Omar am Campus in Jeans sahen. Ohne Gebetskäppchen. Danach knickte er ein.

Mit der Rückkehr der Taliban im August 2021 wurde auch das gesamte Bildungssystem von den Extremisten übernommen. Viele Universitätsprofessor:innen und Dozent:innen flüchteten daraufhin ins Ausland, allen voran Frauen. Doch auch viele Männer, die sich als liberal oder säkular verstanden, gingen. Omar und seine Freunde erzählen, wie seine........

© Wiener Zeitung