Die gläserne Klippe
Ronald Weißmann trat als ORF-Generaldirektor nach belegtem Vorwurf eines sexuellen Übergriffs zurück, bestreitet jedoch alle Anschuldigungen.
Ingrid Thurnher wurde als Interims-Generaldirektorin eingesetzt, was das Muster der „gläsernen Klippe“ bei Frauen in Krisenpositionen bestätigt.
Frauen übernehmen Führungsrollen oft nur in Krisenzeiten, werden danach wieder abgelöst und als Verschleißmaterial betrachtet.
Ronald Weißmann trat als ORF-Generaldirektor nach Vorwürfen zurück.
Ingrid Thurnher ist interimistische ORF-Generaldirektorin.
In 100 Jahren ORF-Geschichte gab es nur 2 weibliche Generaldirektorinnen.
14 Männer hatten bisher die ORF-Spitze inne.
Ronald Weißmann trat als ORF-Generaldirektor nach belegtem Vorwurf eines sexuellen Übergriffs zurück, bestreitet jedoch alle Anschuldigungen.
Ingrid Thurnher wurde als Interims-Generaldirektorin eingesetzt, was das Muster der „gläsernen Klippe“ bei Frauen in Krisenpositionen bestätigt.
Frauen übernehmen Führungsrollen oft nur in Krisenzeiten, werden danach wieder abgelöst und als Verschleißmaterial betrachtet.
Ronald Weißmann trat als ORF-Generaldirektor nach Vorwürfen zurück.
Ingrid Thurnher ist interimistische ORF-Generaldirektorin.
In 100 Jahren ORF-Geschichte gab es nur 2 weibliche Generaldirektorinnen.
14 Männer hatten bisher die ORF-Spitze inne.
Der Generaldirektor des ORF, Ronald Weißmann, musste diese Woche zurück treten. Ihm wurde von einer Frau ein sexueller Übergriff vorgeworfen, dieser sei auch belegt: in Bild und Ton. Ronald Weißmann bestreitet alle Vorwürfe. Medial ist vom größten MeToo-Fall des Landes die Rede.
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Interimistisch wurde nun Ingrid Thurnher, die bisherige Radiochefin des ORF, zur Generaldirektorin bestellt. Nun könnte man sich aus einer feministischen Perspektive darüber freuen, dass endlich einmal eine Frau an der Spitze des ORF steht. Das war in seiner über 100-jährigen Geschichte nämlich zuvor erst einmal der Fall: Monika Lindner führte den ORF von 2002 bis 2006 vier Jahre als Generaldirektorin. Außer Ingrid Thurnher gab es an der Spitze des ORF bislang also nur eine Frau. Und 14 Männer.
Allerdings folgt die Bestellung einer Frau als Interims-Chefin einem altbekannten – und sexistischen – Muster. In Großbritannien wurde inmitten einer Regierungskrise samt Brexit-Chaos Theresa May damit betraut, dieses Chaos zu lösen – und dann wieder von einem Mann abgelöst. In Österreich wurde nach dem Ibiza-Skandal während einer Regierungskrise mit Brigitte Bierlein erstmals und bislang einmalig eine Frau als Spitze der Übergangsregierung eingesetzt – und dann wieder von einem Mann abgelöst. Karin Bergmann übernahm als erste und bislang einzige Frau das Wiener Burgtheater, nachdem ihr Vorgänger infolge diverser Skandale fristlos entlassen worden war. Sie wurde, du errätst es vielleicht schon, danach von einem Mann abgelöst.
Ausrutschen vorprogrammiert
Im Jahr 2005 untersuchten die Forscherinnen Michelle K.Ryan und Alexander Haslam die wichtigsten britischen Aktienunternehmen. Dabei stellten sie fest, dass jene Unternehmen, die Frauen in den Vorstand beriefen, viel wahrscheinlicher als andere in den letzten fünf Jahren eine schlechte Leistung erbracht hatten.
Sie entwickelten daraus das Konzept der „Glass Cliff“ – die gläserne Klippe also. Auf der gläsernen Klippe ist Ausrutschen vorprogrammiert.
Während die gläserne Decke die unsichtbare Hürde bezeichnet, die von Frauen aufgrund struktureller Diskriminierung auf der Karriereleiter oft nicht durchbrochen werden kann, bezeichnet die Gläserne Klippe das Phänomen, dass Frauen in dem Moment die gläserne Decke durchbrechen „dürfen“, in dem die Führungspositionen, in die sie befördert werden besonders unsicher sind. Oftmals, weil es nur interimistische Führungspositionen sind oder Führungspositionen, in denen die Beförderten vorrangig mit dem Wegräumen des Drecks ihrer Vorgänger beauftragt sind – oder beides.
Frauen gelangen häufiger genau dann in Führungspositionen, wenn Organisationen in der Krise sind, und werden wieder zu Fall gebracht oder aus den Führungspositionen entfernt – also von der gläsernen Klippe gestoßen – wenn sie ihre Aufräumarbeit erledigt und die Krise überwunden haben.
Dann kommen wieder Männer zum Zug. Das im Gegensatz zur weiblichen Interims-Führung aber dafür nachhaltig.
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Frauen als Verschleißmaterial
Nicht nur im Kleinen, im Mikrokosmos des individuellen Haushaltes, sind es also Frauen, die den Dreck anderer wegräumen, auch im Großen sind sie es: an der Spitze von Unternehmen und Regierungen. Nachdem Schaden angerichtet wurde und alles in Trümmern liegt, müssen Frauen ausrücken um zurechtzurücken, wegzuputzen und zu reparieren. Neben der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die offenbar vor keiner Ebene Halt macht – die einen produzieren, die anderen reproduzieren, die einen zerstören, die anderen reparieren, die einen toben sich aus und verwirklichen sich, die anderen kümmern sich –zeigt die gläserne Klippe auch, dass Frauen nicht als vollwertige Akteurinnen betrachtet werden, sondern als Verschleißmaterial. Sie kommen als verbrauchbare Übergangsmanagerinnen zum Einsatz, als Wegräumerinnen und Wiederaufbauerinnen. Nicht als Gestalterinnen. Dann werden sie wieder entfernt. Dann kommen wieder die Gestalter zum Zug, bis sie kaputt gestaltet haben. Repeat. So lässt sich auch das Bild der Frau als inkompetente Führungskraft am besten konkretisieren: Schließlich kommt sie dann zum Einsatz, wenn die Aufgaben am größten sind und die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns am höchsten.
Der ORF hat nicht nur eine riesige Reichweite und wirkt damit prägend auf Geschlechterverhältnisse sondern zusätzlich auch noch einen Bildungsauftrag und einen „öffentlich-rechtlichen Kernauftrag“. Dieser verpflichtet ihn nicht nur zur Vielfalt, sondern auch zur „Berücksichtigung der Anliegen der Familien und der Kinder sowie der Gleichberechtigung von Frauen und Männern.“ Er hat nun die Chance, dass er diesen Auftrag auch in seiner eigenen Struktur ernst nimmt – indem eine Frau an seine Spitze gesetzt wird, und das über eine Interims-Frist und Übergangslösung hinaus.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.
Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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