Debüt von Aerosmith: Kermit, der Frosch und der Blues der frühen Jahre
Ein Schreibfehler macht das Debütalbum von Aerosmith zu einer Trophäe für Vinyl-Fans: Auf einer ersten Pressung ist der einzige Cover-Song der Platte falsch geschrieben. Statt „Walkin‘ the Dog“ hat die Plattenfirma „Walkin‘ the Dig“ auf die Hülle drucken lassen, versehentlich natürlich. Sammlern ist der Besitz dieses seltenen Fehldrucks heute bis zu 150 US-Dollar wert.
Empfohlener externer Inhalt
Aerosmith-Frontmann Steven Tyler selbst macht Fans gern beim Autogrammeschreiben auf die Rarität aufmerksam, wenn er den Tippfehler auf dem Cover entdeckt. Das nach der Band benannte Album war 1973 eine wenig erquickliche Angelegenheit. Die Bostoner Lokalmatadore waren freilich froh, einen Plattenvertrag bekommen zu haben. Doch die Aufnahmen waren kein Selbstläufer. Bis auf den Sänger stand die Band noch nie zwischen Mischpult und Mikro. Die Folgen: Unsicherheit, Anspannung.
Steven Tyler ringt mit seiner Stimme und schreibt Band-Hit „Dream On“
Tyler hat zudem noch nicht seine endgültige, markante Singstimme gefunden, auch wenn die ersten Versuche der berühmten Schrei- und Kreischlaute in Songs wie „One Way Street“ oder „Movin‘ out“ auf Band gebannt werden. Der Sänger findet auch Jahrzehnte später noch, er klinge auf dem Debüt stellenweise wie Kermit, der Frosch, wie er in seiner Autobiografie seine Versuche beschreibt, wie ein Blues-Sänger zu klingen.
Verstecken muss er sein Talent jedoch nicht: Der quirlige Musiker schreibt die meisten Songs der Platte, darunter auch „Dream on“. Heute ein Klassiker der Band, damals versandet der Song in den unteren Regionen der Top 100, erst zwei Jahre später zündet das Lied, als es noch einmal veröffentlicht wird. Eminem sampelt den Song 2003 für sein „Sing for the Moment“.
Aerosmith trotzt Rückschlägen und erspielt sich treue Fans
Die ungewohnte Studio-Umgebung bleibt Anfang der 70er nicht das einzige Hemmnis: Die Plattenfirma der Band protegiert lieber einen anderen ihrer aufstrebenden Künstler von der US-Ostküste: Bruce Springsteen, dessen Debüt „Greetings from Asbury Park“ fast zeitgleich erscheint.
Die Musiker von Aerosmith sind frustriert, aber auch trotzig: Sie gehen auf Tour und spielen monatelang, als wenn es um ihr Leben ginge. Denn: Es sind schon ganz andere Musikerkarrieren wegen ausbleibender Schützenhilfe der Plattenfirma versandet. Schlussendlich ist es die richtige Entscheidung: Die Band erspielt sich eine treue Fan-Gemeinde.
Empfohlener externer Inhalt
Die frisch produzierten Songs, die sie auf Tour vorstellen, haben Potenzial. Wie zuvor erwähnt, „Dream on“ wird, wenn auch erst später, ein Top-Ten-Hit; der soulige Blues-Rocker „Mama Kin“ wird bis zum Ende ihrer Bühnenkarriere ein Live-Favorit bleiben.
Debütalbum erhält neuen Klang und exklusive Bonusaufnahmen
Wie groß der Einfluss des Blues auf die Musik der Band ist, lässt sich auf keinem Album der Band mit eigenen Songs stärker nachhören als auf „Aerosmith“. Welch rohe Kraft in den Stücken steckt und so manches Gitarrenriff im alten, etwas dumpfen Mix versteckt war, zeigt die Neuauflage des Debütalbums als „Legendary Edition“ auf Dreifach-CD, in mehreren Vinyl-Varianten oder als Fünffach-Vinyl-Box-Set mit umfangreichem Booklet: Neben dem Remaster des Originals gibt es das Album zusätzlich als 2024er Abmischung – ein Klangbild wie eine Neuaufnahme.
Mehr Musik-Tipps unserer Thüringer Redaktion
Westernhagens „Live“-Album: Hymne zur deutschen Wiedervereinigung
David Bowies „Station to Station“: Ein Alien ordnet sein kreatives Chaos
50 Jahre „Wish you were here“: Mit Pink Floyd im Maschinenraum
Die intensive Live-Phase als Trotzreaktion auf die fehlende Unterstützung des Labels dokumentiert der Auftritt in Paul‘s Mall von 1973. Der Mitschnitt hat zwar bessere Bootleg-Qualität, macht aber exemplarisch die Energie der Auftritte selbst in kleineren Locations nachvollziehbar. Das Sahnehäubchen sind sechs Aufnahmen aus den Sessions, unter anderem das Cover „Train kept a rollin‘“, das es erst auf das zweite Album schaffen wird, sowie Versionen von „Make it“ und „Write me a Letter“ oder „Joined at the Hip“, ein Jam, bei dem spätere Großtaten wie „Sweet Emotion“ oder „Walk this Way“ in Ausschnitten bereits deutlich anklingen.
Das Debütalbum ist rückblickend seinen Nachfolgern wie „Toys in the Attic“, dem Aerosmith-Referenzalbum aus den 70ern, bei Songmaterial und Produktion noch unterlegen. Aber ähnlich wie der Erstling von Queen lebt sich das Potenzial und der Charme der
Wir stellen in #langenichtgehört vergessene, verkannte oder einst viel gehörte Alben vor. Alle Folgen gibt es hier.
