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Ukraine-Friedensgespräche: Hoffnungsschimmer oder Kabuki-Theater?

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24.02.2026

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Ukraine-Friedensgespräche: Hoffnungsschimmer oder Kabuki-Theater?

24. Februar 2026 | Maurice Dorffer

Vor exakt vier Jahren marschiere Russland in das Nachbarland ein. Jetzt wurden die Verhandlungen in Genf vertagt. Wie weit liegen die Positionen wirklich auseinander?

Kabuki-Theater ist eine traditionelle japanische Theaterform aus dem 17. Jahrhundert, die durch stark stilisierte Darstellung, feste Rollen und aufwendige Inszenierung geprägt ist; in der politischen Sprache – insbesondere in der angloamerikanischen Sphäre – wird der Begriff metaphorisch verwendet, weil er eine öffentliche Inszenierung beschreibt, bei der Politiker ihre Rollen sichtbar „aufführen“, obwohl das Ergebnis oft schon vorher feststeht.

Fifty Shades of Peace-talks

Die von den USA vermittelten Friedensverhandlungen in Genf in diesem Monat waren der jüngste Versuch, den vor exakt vier Jahren, am 24. Februar 2022 durch den russischen Einmarsch gestarteten Ukraine-Krieg zu beenden – vergeblich. Die Delegationen verließen Genf ohne Einigung und vertagten sich auf eine weitere Runde, die voraussichtlich erneut dort stattfinden soll; ein genauer Termin blieb jedoch offen. Die Hoffnung lebt also weiter, würde der Optimist sagen – was er aber hier für Hoffnung hält, ist in Wahrheit nichts anderes als Selbsttäuschung.

Man muss kein großes Medium sein, um vorherzusagen, dass auch die nächste Runde ebenso scheitern dürfte wie die erste und wie die zahlreichen bisherigen Gespräche in Istanbul, Abu Dhabi oder anderswo, die seit Beginn des Krieges versucht haben, den Konflikt auf diplomatischem Wege zu lösen. Höchstwahrscheinlich wird dies auch für künftige Verhandlungsversuche gelten. Das bedeutet nicht, dass es für diesen Krieg keine Friedenslösung geben kann. Viele Wege könnten zum Frieden führen, doch unter den derzeitigen Prämissen sind Friedensgespräche kaum das Mittel der Wahl. Die aktuellen und vergangenen Verhandlungen erfüllen daher einen anderen Zweck als den Versuch Frieden herzustellen. Wir kommen gleich darauf zurück.

Denn solange die beteiligten Kriegsparteien auf ihren Positionen und Forderungen beharren und keine echte Kompromissbereitschaft erkennen lassen, bleiben Friedensverhandlungen weitgehend wirkungslos. Das gilt im Übrigen auch für das Weiße Haus, lange Zeit wichtigste Stütze der Ukraine, sowie für die Hauptstädte des alten Europas, sofern diese überhaupt an den Gesprächen beteiligt sind, wenn auch nur als direkte Unterstützer der Ukraine.

Unter diesen Umständen bleiben Friedensgespräche nichts weiter als kostspielige Inszenierungen oder öffentliche Täuschungsmanöver, bei denen schon vor Beginn das Endergebnis meist feststeht, vor allem aber darauf abzielen, der Öffentlichkeit das wohlige Gefühl zu vermitteln, man führe ernsthafte Verhandlungen, wünsche sich nichts sehnlicher als Frieden und wolle diesen furchtbaren Krieg endlich beenden. Das ist politisches Kabuki in Reinform, denn jeder weiß, dass weder Kiew noch Moskau nachgeben wird.

Der unmögliche Frieden

Der kremlnahe Politikanalyst Sergej Markow stellte nach der Verhandlungsrunde in Genf fest: „Ich glaube nicht, dass jemand große Hoffnungen hatte, dass die Gespräche erfolgreich sein werden. Die Positionen liegen sehr, sehr weit auseinander.“ Markow hätte es nicht treffender formulieren können: Beide Kriegsparteien haben völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wie dieser Krieg enden und ein dauerhafter Frieden erreicht werden könnte.

Moskau fordert die Installation eines Russland-freundlichen Regimes in Kiew, schließt eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine kategorisch aus, will das Land weitgehend entmilitarisieren und verlangt Gebietsabtretungen, mindestens des Donbass und schlimmstenfalls auch weiterer südlicher Oblaste, sowie die internationale Legitimation der Krim-Annexion von 2014. Die Ukraine hingegen besteht auf ihre Souveränität und territorialen Integrität, lehnt jede Abtretung von Gebieten ab, behält sich eine westliche Orientierung inklusive Nato- und EU-Mitgliedschaft vor, möchte ihre vollständige Verteidigungsfähigkeit bewahren und fordert langfristige Sicherheitsgarantien durch westliche Partner – Positionen, die kaum miteinander vereinbar sind.

Kein Wunder, dass die bisherigen Verhandlungen unter diesen Umständen kaum fruchteten. Was könnte in einer Situation überhaupt ein Kompromiss sein, in der die Forderung der einen Seite stets das genaue Gegenteil der Position der anderen darstellt? EU-Mitgliedschaft, aber keine Nato? Ein neuer Grenzverlauf entlang der Frontlinie? Ein starkes ukrainisches Heer, aber ohne Luftwaffe und Marine? Solche „Kompromisse“ erscheinen für Moskau wie für Kiew unvorstellbar. Die Lage wirkt damit aussichtslos. Und doch wird irgendwann eine Partei nachgeben müssen, damit das Töten aufhört. Die entscheidende Frage lautet: Was könnte die eine oder andere Seite wirklich dazu bewegen, ihre Position zu ändern?

Kriege werden an der Front entschieden

Beide Parteien werfen sich gegenseitig vor, die Wiederherstellung des Friedens hinauszuzögern. Dabei erscheint die Lösung aus jeweils eigener Perspektive denkbar einfach: Würde die Gegenseite lediglich die eigenen Forderungen akzeptieren, ließe sich der Frieden mit einem Federstrich herstellen. In der Geschichte der Kriege jedoch ist es meist die unterlegene Partei, die am Ende nachgibt – jene also, die den Krieg verloren hat oder nicht mehr in der Lage ist, ihn siegreich zu beenden. Bislang hat die Ukraine den Krieg nicht gewonnen, sie hat ihn jedoch auch noch nicht verloren. Russland wiederum hat ihn nicht verloren, aber ebenso wenig entscheidend gewonnen.

So drängt sich der Eindruck auf, dass beide Seiten vor allem auf Zeit spielen und von Friedensverhandlungen derzeit keine durchgreifenden Ergebnisse erwarten. Vielmehr scheint auf beiden Seiten die Hoffnung zu überwiegen, dass nicht Diplomatie, sondern erst eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld die Voraussetzungen für Frieden schaffen wird.

Man sollte sich dabei keiner Illusion hingeben: Die russische Siegesstrategie besteht offenbar weniger in der vollständigen Eroberung der Ukraine als in der systematischen Zermürbung und personellen Ausblutung ihrer Streitkräfte. Irgendwann, so das Kalkül in Moskau, werde die ukrainische Front unter diesem Druck kollabieren und mit ihr der ukrainische Staat. Umgekehrt scheint eine militärisch zunehmend erschöpfte Ukraine darauf zu setzen, dass sich die politischen Mehrheitsverhältnisse in den Vereinigten Staaten nach den November-Midterms zugunsten einer stärkeren Unterstützung verschieben und die westliche Hilfe erneut ausgeweitet wird, möglicherweise sogar bis hin zu einer direkteren militärischen Beteiligung.

Bis das eine oder Szenario vielleicht eintritt, bleiben daher Friedensgespräche vor allem eines: weitere hoffnungslose Kabuki-Theaterstücke. Acta est fabula, plaudite! Die Geschichte ist aus, applaudiert.


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