Europas Sicherheitswende als industrielle Chance
Link in die Zwischenablage kopieren
Europas Sicherheitswende als industrielle Chance
03. März 2026 | Benjamin Desalm | Annika Zawadzki
Für Unternehmen auch außerhalb der klassischen Branche eröffnet das politische Ziel einer gestärkten Verteidigungsfähigkeit gewaltige Potenziale. Ein Gastbeitrag
GASTBEITRAG VON BENJAMIN DESALM UND ANNIKA ZAWADZKI
Die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit steht zunehmend im Fokus europäischer Politik. Doch die zentrale Frage lautet längst nicht mehr nur „wie viel Budget“, sondern „wie schnell kommen neue Technologien in die Skalierung?“ Genau hier öffnet sich ein Zeitfenster – nicht nur für klassische Rüstungsanbieter, sondern für Unternehmen aus Software, Industrie, Elektronik oder Luftfahrt.
Denn Europas Ambition ist groß: Für den Zeitraum von 2026 bis 2029 haben Regierungen angekündigt, zusätzlich 800 Mrd. € in Verteidigung zu mobilisieren. Unsere BCG-Analyse zeigt, dass sich daraus für Unternehmen außerhalb der klassischen Verteidigungsindustrie in den kommenden vier Jahren ein Potenzial von bis zu 500 Mrd. € ergibt – darunter rund 220 Mrd. € an zusätzlicher Nachfrage. Grundlage hierfür sind sektorale Bedarfsprognosen europäischer NATO-Mitgliedsstaaten, definierte Technologiefelder und bereits angekündigte Beschaffungsprogramme.
Diese Verschiebung ist kein Zufall. Moderne Verteidigung ist technologiegetrieben. Software, Datenfusion, sichere Kommunikation, Sensorik, Elektronik oder autonome Systeme sind keine Nischen – sie werden zum Kern militärischer Leistungsfähigkeit.
Wo die Chancen konkret liegen
Die größten Wertschöpfungspotenziale entstehen in Sektoren, in denen Europa über starke industrielle und wissenschaftliche Grundlagen verfügt – auch wenn es bei Skalierung und Kommerzialisierung teilweise hinter den USA zurückliegt. Allein Software- und IT-Systeme erreichen in den kommenden vier Jahren ein geschätztes Marktvolumen von 145 Milliarden Euro. Hier geht es um Cyberabwehr, sichere Cloud-Infrastruktur, Datenintegration oder Trainings- und Simulationssysteme. In der Luft- und Raumfahrtbranche entstehen 102 Milliarden Euro Potenzial – etwa in Wartung, Reparatur, Avionik oder unbemannten Plattformen. Die Automobilindustrie steht mit 85 Milliarden Euro vor einer strategischen Adjazenz: Elektronikarchitekturen, Softwareintegration oder elektrische Antriebe lassen sich in militärische Fahrzeuge und autonome Systeme übertragen. Auch Elektronik – etwa Sensorik oder Halbleiter – kommt auf 65 Milliarden Euro.
Diese Zahlen zeigen: Der Verteidigungsmarkt ist kein abgeschottetes Spezialsegment mehr. Er überlappt mit industriellen Kernkompetenzen vieler Unternehmen.
Europa kann Forschung – aber es skaliert zu selten
Der zweite Befund ist unbequem: Europa verfügt über technologische Substanz, bringt sie aber zu selten schnell in einsatzfähige Produkte. Eine Auswertung des BCG Henderson Institute von rund 250 Mio. Forschungspublikationen und 90 Mio. Patentfamilien zeigt: Europa führt in sechs von neun NATO-Technologiefeldern bei den meistzitierten zehn Prozent der Publikationen. Trotzdem bleibt das Ökosystem hinter den USA zurück. Zwischen 2015 und 2025 gab es in Europa 597 aktive Start-ups im Bereich Verteidigungstechnologie, in den USA 1.176. Bei Wagniskapital ist der Abstand noch deutlicher: 8 Mrd. $ versus 69 Mrd. $.
Dazu kommt die Fragmentierung der Nachfrage. EU-Staaten tätigen rund 80 % ihrer Beschaffung und etwa 90 % ihrer Forschungs- und Technologieausgaben national. In Europa sind zudem etwa viermal so viele unterschiedliche große Waffensysteme im Einsatz wie in den USA – Skaleneffekte werden so strukturell erschwert. Positiv ist: Europa setzt Gegenimpulse. Die European Defense Industrial Strategy zielt auf 40 % kollaborative Beschaffung bis 2030 (von 18 % im Jahr 2021). Und es gibt lokale Beschaffungsziele von 50 % bis 2030 sowie 60 % bis 2035.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Für Nicht-Rüstungsunternehmen heißt das: Der Einstieg ist machbar – wenn er professionell vorbereitet wird. Vor allem drei Hebel sind entscheidend:
Dual-Use-Potenziale identifizieren: Wo lassen sich bestehende Produkte, Software oder Fertigungsfähigkeiten in sicherheitsrelevante Anwendungen übersetzen?
Dual-Use-Potenziale identifizieren: Wo lassen sich bestehende Produkte, Software oder Fertigungsfähigkeiten in sicherheitsrelevante Anwendungen übersetzen?
Verteidigungsfähigkeit aufbauen: Regulatorik, Cyber- und Lieferkettenanforderungen, Zertifizierung, mehrjährige Ausschreibungslogiken.
Verteidigungsfähigkeit aufbauen: Regulatorik, Cyber- und Lieferkettenanforderungen, Zertifizierung, mehrjährige Ausschreibungslogiken.
Ökosysteme bilden: Partnerschaften mit Hauptauftragnehmern, Mittelstand und Startups – und ein klarer Pfad vom Pilot zur Serienfähigkeit.
Ökosysteme bilden: Partnerschaften mit Hauptauftragnehmern, Mittelstand und Startups – und ein klarer Pfad vom Pilot zur Serienfähigkeit.
Wer einsteigt, braucht deshalb mehr als ein gutes Produkt: Es braucht strukturierte Vorbereitung, ein klares verteidigungsspezifisches Wertversprechen, sowie Partnerschaften mit etablierten Anbietern und geeignete Finanzierungsmodelle. Europas Verteidigungsaufbau wird die industrielle Landschaft nachhaltig verändern. Wenn Unternehmen jetzt strategisch handeln, kann aus höheren Verteidigungsausgaben nicht nur mehr Sicherheit entstehen, sondern auch eine modernisierte, wettbewerbsfähige Industrie.
