INSA-Umfrage: Klare Mehrheit gegen Steuergeld für "Deutschland verrecke"
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INSA-Umfrage: Klare Mehrheit gegen Steuergeld für "Deutschland verrecke"
17. März 2026 | Ansgar Graw
Im Streit um die Positionierung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gegen Linksaußen-Buchhandlungen hat die Bevölkerung eine eindeutige Meinung
Deutschlands politische Diskussion weisen häufig keinerlei Berührungspunkte auf mit dem, was in der Bevölkerung mehrheitlich gedacht wird. Aktuell lässt sich dies beobachten an einer Debatte um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der drei nach Ansicht des Verfassungsschutzes linksextreme Buchhandlungen aus einer Liste möglicher Empfänger des Deutschen Buchhandlungspreises streichen ließ. Auf der Fassade einer dieser Buchhandlungen, The Golden Shop in Bremen, prankte die aus Antifa-Demonstrationen bekannte Losung „Deutschland verrecke bitte“.
Weimer, bis zur Berufung in sein aktuelles politisches Amt durch den Bundeskanzler am 6. Mai 2025 Co-Verleger der Weimer Media Group, in dem auch The European erscheint, hat seine Gründe dargelegt. „Extremismus ist in Zeiten hoher Polarisierung zu bekämpfen – nicht zu fördern“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. „Mit Steuergeldern finanzierte Preise sollten nur an Institutionen gehen, die über jeden Zweifel erhaben sind.“
Diese Sicht stieß auf heftige Kritik bei Grünen (der Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann glaubte ein „Klima der Vorzensur“ zu erkennen) und Die Linke („Willkür“) sowie einzelnen SPD-Landespolitikern, Vertretern des Kulturbetriebs und in etlichen Medien.
Eine aktuelle Umfrage
Aber wie denkt die Bevölkerung darüber? Sie ist eindeutig auf Seiten von Weimer. 63 Prozent stimmen laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA mit „ja“ oder „eher ja“ der Frage zu: „Sollte eine Buchhandlung, über deren Eingangsbereich der Schriftzug ‚Deutschland verrecke bitte‘ steht, Ihrer Meinung nach vom staatlich finanzierten Buchhandlungspreis ausgeschlossen werden?“ Mit „nein“ oder „eher nein“ antworteten lediglich 15 Prozent.
Mit Heinrich Heine hat der Spruch nichts zu tun
Aufschlussreich ist die Aufsplitterung der Antworten nach Parteipräferenzen. So sagten 76 Prozent der Unions-Anhänger „ja“ oder „eher ja“ – und praktisch ebenso viele SPD-Wähler (75 Prozent). Bei der AfD sind es 67 Prozent, bei der FDP 62 Prozent, beim BSW 61 Prozent. Und immerhin 52 Prozent von Anhängern der Links-Partei möchten eine Buchhandlung mit einem solchen Slogan ausschließen. Mit anderen Worten: absolute Mehrheiten der Wähler sämtlicher größerer Parteien unterstützen die Entscheidung Weimers. Einzige Ausnahme: Bei den Grünen sind es lediglich 40 Prozent, die den Bann einer Buchhandlung mit einer solchen Parole von der Preisverleihung befürworten. Doch sogar das ist eine relative Mehrheit, während 36 Prozent der Grünen zum Ausschluss „(eher) nein“ sagen.
„Deutschland verrecke“, so wird dieser Tage plötzlich behauptet, sei Heinrich Heines Gedicht über den schlesischen Weberaufstand entlehnt. Das ist allerdings eine Erfindung. „Deutschland, wir weben dein Leichentuch / Wir weben hinein den dreifachen Fluch“, heißt es vielmehr bei Heine.
„Deutschland verrecke“ stammt hingegen aus der Antifa- und Punk-Subkultur der 70er und 80er Jahre. Es wurde bei Demonstrationen auf Plakaten gezeigt neben Sprüchen wie „Deutschland du Stück Scheiße“ und „Nie wieder Deutschland“.
In einer Demokratie sind auch solche Sprüche und die damit verbundenen Positionen erlaubt - solange derjenige, der sie vertritt, nicht Gewalt anwendet, um Deutschland „verrecken“ zu lassen.
Aber nur weil etwas nicht verboten ist, muss es noch keineswegs mit Steuergeldern unterstützt werden - erarbeitet von jenen, die zu nahezu zwei Dritteln Buchhandlungen mit einem solchen Slogan eben nicht staatlich gesponsert sehen wollen.
Man denke über ähnliche Parolen vom Rechtsaußen-Rand nach. Gäbe es etwa eine Buchhandlung, über deren Eingang zu lesen wäre „Ausländer raus“ (was als Parole nicht verboten ist) oder „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“, wie es 1914 der Arbeiterdichter Heinrich Lersch im nationalistischen Rausch proklamierte, würden Deutschlands Feuilletonisten Weimer mutmaßlich wütend attackieren, wenn er diese Buchgeschäfte nicht ausgeschlossen hätte – und sie hätten sogar recht damit, weil sich derartige Positionen nicht mit den Grundwerten einer parlamentarischen Demokratie vertragen. Ja, wahrscheinlich würde schon ein Spruch, wie ihn CDU und CSU im Bundestagswahlkampf 1980 als Aufkleber verteilten, nämlich „Mir stinken die Linken“, heute zu einem Skandal führen – obwohl diese Aussage zurückhaltend ist gegenüber der Forderung, dass Deutschland verrecken, also sterben soll.
Sehr erkennbar wird hier mit zweierlei Maß gemessen.
